Mathias Gatzas Buch „Der Augentäuscher“

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Mathias Gatza hat das Buch „Augentäuscher“ geschrieben.

Von Ralf Stiftel ▪ Über eine Sensation stolpert der Kunsthistoriker in der Kunsthandlung De Zweert & Söhne. Eine „moosig grün und schwarz angelaufene Kupferplatte“, die auch noch stinkt.

Aber sie ist signiert von Silvius Schwarz, einem praktisch unbekannten Stilllebenmaler aus dem Barock am Dresdner Hof. Sie zeigt die angewitterten Reste eines menschlichen Körpers. Die erste Fotografie der Weltgeschichte, nicht aus dem 19., sondern aus dem 17. Jahrhundert.

Natürlich kauft der namenlose Ich-Erzähler in Mathias Gatzas Roman „Der Augentäuscher“ das kostbare Stück. Und er forscht dem historischen Phantom nach. Er findet eine Folge von gesetzten Bögen, auf denen ein stummer Setzer namens Leopold die Ereignisse um die letzten Lebensmonate des Silvius berichtet. Er entwendet das letzte Exemplar eines erotischen Briefromans aus dem 17. Jahrhundert, in dem es um die Liebe zwischen einem Maler Silvius und seiner Cousine Sophie von Schwarz geht. Aus alledem trägt er die Beweise zusammen, dass die Fotografie gut 200 Jahre älter ist als bislang vermutet.

In Gatzas Buch geht es nicht nur um eine kunsthistorische Spezialität. In der Nachfolge romantischer Montageerzählungen komponiert er aus den Bekenntnissen des ebenso skrupel- wie erfolglosen Forschers, den Druckbögen und den Auszügen des gefundenen Romans ein feines Verwirrspiel um Liebe, einen Serienmörder und die Kunst. Schon der Erzähler hat es ja in sich: Einerseits ein verkrachter Gelehrter, der immer neue Anläufe nimmt, seinen Doktortitel zu erwerben, aber stets abgelehnt wird. Andererseits ein Mann, den die Frauen lieben, denn in jedem Abschnitt findet er bei einer anderen Gesine, Elvira, Babette Unterschlupf. Für seine Besessenheit von der Schwarz‘schen Erfindung riskiert er Diebstähle aus Bibliotheken und selbst dem Archiv des Vatikan. Und er entwickelt seltsame Neigungen: „Beatrice … setzte mich … vor die Tür, als sie mich Heiligabend 2007 dabei erwischte, wie ich den Defibrillator, den ich ihr schenken wollte, an der Weihnachtsgans testete.“

Dann sind da die Ereignisse des Jahres 1673 in der sächsischen Residenzstadt. Gatza bietet ein wunderbar skurriles Personal auf, allen voran den arabischen Gelehrten Muhammad al Ghazali, Silvius‘ väterlicher Freund, der kriminalistischen Spürsinn beweist auf der Suche nach dem Mörder, der die Kastratensänger des Hofes ermordet und verstümmelt. Da gibt es intrigante Vertreter der Inquisition und machtgierige Adlige und Sophies Onkel Berthold, der zum Mond fliegen möchte, sowie ihren Gatten, den schwulen und sehr toleranten Weltreisenden Dietrich von Dietersdorf.

Gatza hat sein Buch mit einer Fülle von Fakten und Anspielungen unterfüttert, sei es auf historische Figuren wie Leeuwenhoek, Huygens, Vermeer, Sanchez Cotan, sei es auf die Chemie der Fotografie, für die er Schwarz in den alchemistischen Goldmacherlaboren forschen und Silbersalz, Scheidewasser und Quecksilber finden lässt. Das alles ist hinreißend erfunden.

Aber gekrönt wird es von den Briefen zwischen den Liebenden Sophie und Silvius. Die sind mal zärtlich, mal drastisch. Manchmal gibt es Anachronismen wie das „Visitez-ma-tente“, das Sprachforscher im 19. Jahrhundert verorten. Und sollte die Aufforderung „Ficken Sie Hühner!“ doch zum barocken Briefstil passen? Egal, Gatza gönnt sich und dem Leser die kleinen Späße. Und wenn Sophie von ihrem Begehren mitgerissen wird, dann machen ihre Wortschwälle einfach nur Spaß: „Finden Sie Küssen allzu intim, küssen Sie nur im Schatten von Weiden, Winden, Ricken, gemunkelten Ranunkeln, im schillernden Akazienduft, nur im Mai, nur wenn der Flieder stinkt? Im Sommer aber nie? Sommer? Zu warm, zu heiß, zahlreiche Früchte, noch mehr Insekten, unappetitliche Sterne, kreiselt alles in eine falsche Richtung, die Erde dreht sich unheimlich rasant?“

Mathias Gatza: Der Augentäuscher. Graf Verlag, München. 383 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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