Mateja Kolezniks Inszenierung von „Madame Bovary“ bei den Ruhrfestspielen

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Eine Puppe, falsch verheiratet: Sophie von Kessel in der Bühnenfassung von „Madame Bovary“.

Von Edda Breski RECKLINGHAUSEN - Die Klammer um dieses Frauenleben ist der Tod. Madame Bovary stirbt in der ersten Szene, und mitten zwischen ihr arsenverursachtes Würgen und Ächzen schieben sich Episoden ihrer Ehe, bis sie im Finale daliegt, kotzend und stöhnend, ihr Mann hilflos danebenstehend.

Das Münchner Residenztheater hat eine Fassung des Flaubert-Romans von Albert Ostermeier aus der Taufe gehoben, die jetzt bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen zu sehen war. Sophie von Kessel spielt die Schwärmerin Emma, die sich von ihren Romanfantasien in den Ehebruch verführen lässt, als einsame Frau, deren Leid ihres Geschlechts wegen nicht ernst genommen wird.

Allerdings wird sie durch die Regisseurin Mateja Koleznik in ein Umfeld gestellt, das neutral bis zur Abstraktion ist. Die Männerfiguren machen sie zum Spiegel ihrer Erwartungen, von René Dumonts graupapieren hilflosem Charles bis zum Apotheker (Wolfram Rupperti), der noch am Schluss bedauert, dass die hübsche Emma verheiratet ist. Alle taumeln sie in ihren Rollen um die Achse der Konvention. Emmas Verzweiflung, von Sophie von Kessel mit Einsatz auf die Bühne gebracht, läuft ins Leere. Auch ihre Ideen von Romantik sind entleert. Übrig bleiben Floskeln. Emma kann nicht phrasenfrei über Liebe sprechen. Sie hat auch keine Sprache für ihre Lust. Ostermeiers Bearbeitung erfasst das gut: Die Figuren drehen sich in knappen, oft lakonischen Szenen um sich selbst. Aber irgendwie wollen sie einem nicht nahekommen, nicht der ratlose Bovary, nicht Emmas Liebhaber.

Auch nicht Emma selbst. Sie leidet, aber vor sich hin. Sie ist eine Figur des 19. Jahrhunderts, an moralische Vorstellungen dieser Zeit gebunden. Die Ehe ist Emmas Leben. Sie soll sich bescheiden, ihrem Charles einen Sohn gebären, fordert ihre Schwiegermutter (Gabriele Dossi). Geht es Emma schlecht, dann wischen die Männer darüber hinweg, gewohnt, ihre Stimmungen als Frauenleiden zu vernachlässigen.

Sie hat den Falschen geheiratet, das soll zu allen Zeiten vorgekommen sein. Ihr größeres Problem: Sie ist nicht bei sich selbst, bringt Ideen und Realität nicht zusammen. Hier liegt die zeit- und epochenlose Anschlussfähigkeit des Stoffs. Von Kessel aktualisiert das, indem sie ihren Körper anfasst, als wolle sie ihn endlich spüren. Mehr macht die Regie nicht daraus. Sie bleibt seltsam farblos.

Es wirkt passend, dass die Bühne in weißlichem Licht erscheint (Uwe Grünewald). Henrik Ahr hat einen weißen Kasten entworfen, unter dem die Schauspieler verschwinden können. Auf dem Kasten dreht sich eine rechteckige Fläche. Warum das Drehen und das Versteckspiel, wird nicht recht deutlich, es bleibt ein dramaturgischer Trick.

Emma steht auf dem rotierenden Rechteck, eine schmale Gestalt im mintgrünen Japonaiseriemantel, hübsch wie ein Nippesfigürchen. Mehr als eine Puppe wird sie hier nicht. Eine Frage nach Eigenverantwortung wird nicht gestellt. Natürlich ist Emma Bovary weit davon entfernt, eine Feministin zu sein. Bei Koleznik ist sie aber auch nicht viel mehr als ein Pferdchen, dem der Herr den Hals tätschelt.

Quelle: wa.de

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