Maskenbilder: Garcia Lorcas „Yerma“ in Bochum

BOCHUM ▪ Das Leben ist Dürre, Hitze, Schufterei. Es bindet die Menschen im Gefängnis einer erbarmungslosen Natur an immerwährende Arbeit. Dieses Bild hat Federico Garcia Lorca in seinen Stücken vom spanischen Land entworfen. 1934 entstand „Yerma“ als Teil einer Trilogie über die Frau. Von Edda Breski

Zu dem dramatischen Tryptichon gehörten die „Bluthochzeit“ und ein nicht mehr verwirklichtes Stück, in dem es um Inzest gehen sollte. An den Bochumer Kammerspielen inszeniert Cilla Back „Yerma“ in archaisch-ritualisierten Bilder.

Yermas einziges Verlangen ist das nach einem Kind, doch sie ist „vertrocknet“, sagt sie, wie das Land. Das spanische Wort yerma bedeutet öde. Die Frauen des Dorfes treten ihr als Chor entgegen, halten ihr Versagen vor. Frauen haben im Haus zu bleiben, gebändigt durch Mutterschaft. Die Männer beackern das Feld. In Bochum ist der Acker sandfarben, auf schiefen Gerüsten wird ein Rinnsal zur Befeuchtung herangeleitet (Bühne: Csörsz Khell).

Back betont die Fruchtbarkeitssymbolik Lorcas mit dürren, formalisierten Bildern: Juan, der nur geheiratet hat, um seine fleischlichen Bedürfnisse befriedigen zu können, küsst die Schenkel seiner Frau, die er mit Erde eingerieben hat, er küsst einen Körper, der zu seinem Besitz gehört wie Acker, Haus und Brot. Werner Strenger gibt einen Gleichgültigen.

Die Dorf-Menschen bewegen sich in einer abgezirkelten Choreographie; Yermas Gesten sind wie die einer Gliederpuppe.

Ihr Gesicht ist maskenhaft weiß geschminkt, sie wird auch diese Farbe verlieren. Ihr Leiden wird verfremdet bis zum Ende. Sie steht abseits am Brunnen, darf keinen Apfel essen wie die anderen Frauen. Lebensfreude ist ihr fremd, Sinnlichkeit macht ihr Angst.

Ihr Kleid ist klosterschülerinnengrau, eine Rüstung der Wohlanständigkeit (Kostüme: Cilla Back). Sie wird Juan umbringen in einem Akt finaler Selbstauslöschung; sie tötet damit ihren erhofften Sohn.

Cilla Back achtet darauf, keine Befragung der Ehr- und Gesellschaftsbegriffe vorzunehmen – beides sind hier noch Synonyme. Sie filtert Kernfragen: Was wünsche ich? Wie steht mein Wunsch in Beziehung zu meinem Leben, was geschieht, wenn er sich nicht erfüllt? Für Yerma ist damit das Leben zu Ende.

Es wäre an ihr, sich zu arrangieren. Eine alte Frau versucht ihr das zu sagen. Dreimal werden sie sich treffen, die Alte, die gelebt hat, die neun Söhne, ihre „neun Sonnen“ geboren hat, und die Junge, die ihr Verlangen weder leben noch lassen kann. Ute Zehlen spielt das grandios: das unpersönliche Mitgefühl, die Ungeduld mit dem Schmerz der Jüngeren.

Cilla Back spürt dem Schmerz nach. Trommeln und Klagegesänge begleiten Yerma. Das Stück bleibt kein Bilderbogen; das liegt auch an Bettina Engelhardt. Sie spielt die Yerma mit einer Härte, die immer schmerzhafter wird, je länger man ihr zusieht. Ihre Unterwürfigkeitsgesten, ihr Bitten um Mitgefühl – alles ist Starre und Angst.

19., 28.4., 12., 18.5.,

Tel. 02 34/33 33 55 55,

http://www.schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

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