Das MAS: Neues Museum im alten Hafen von Antwerpen

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Kubus auf der Insel: Das neue Museum MAS in Antwerpen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ANTWERPEN–Wie ein gewaltiger Findling erhebt sich der Quader über Yachten, Kais und Straßencafés. Ein Fremdkörper, an drei Seiten von Wasser umgeben, im alten Hafen von Antwerpen. Strahlend rot leuchtet der aus Indien importierte Sandstein. Die Platten wurden fugenlos montiert, so dass das Gebäude wie ein Block wirkt. Allerdings verleihen ihm Gardinen aus Glas eine gewisse Leichtigkeit und Transparenz. Die zehn Stockwerke des MAS sind jeweils um 90 Grad gegeneinander gedreht, wie ein Stapel Kisten, wie eine angedeutete Spirale wirkt das. Dieses Haus ist ein neuer Blickfang für die zweitgrößte belgische Stadt.

Im Goldenen Zeitalter, dem 16. und 17. Jahrhundert, schlug hier das Herz der europäischen Handelsmetropole Antwerpen. Exakt an dieser Stelle stand das Hansahuis, ein Lagerhaus der Hanse, das 1893 einem Brand zum Opfer fiel. Den neuen Turm versteht Carl Depauw, Direktor des MAS, als zeitgenössische Variante davon, „ein Lagerhaus voll von Kulturen und Geschichten. Das Architekturbüro Neutelings Riedijk aus Rotterdam hat den Bau entworfen, 65 Meter hoch, mit mehr als 5700 Quadratmetern Ausstellungsfläche, die über den umlaufenden „Boulevard“ auf Rolltreppen, an den Glasfronten entlang, erschlossen werden. 56 Millionen Euro wurden investiert, 33 Millionen kostete allein der Bau, der nun mehr als 5700 Quadratmeter Ausstellungsfläche schuf.

Diese urbane Landmarke soll Kristallisationspunkt werden, um das alte Hafenviertel „Eilandje“, das Inselchen, zu erschließen. Wo heute noch die früheren Frachthäuser malerisch verfallen, soll ein hippes Viertel entstehen für 50 000 Einwohner. Schon jetzt hat sich hier das Tanztheater niedergelassen, in der Nachbarschaft ist ein weiteres Museum geplant, das der Red Star Line gewidmet ist, einer Schifffahrtslinie, die Auswanderer aus Europa in die USA brachte. Das MAS, das Museum aan de Stroom, liegt an der Schelde, der Lebensader der Stadt, auch wenn der Hafen, der zweitgrößte Europas, inzwischen weitergezogen ist und sich bis an die holländische Grenze erstreckt.

Im MAS werden Sammlungen gebündelt, die bisher auf vier Museen der Stadt verteilt waren. So verfügt das neue Haus bereits über 470 000 Objekte – allerdings aus verschiedensten Themenbereichen. So gingen im MAS das ethnographische Museum, das Volkskundemuseum, das nationale Schifffahrtsmuseum und die Sammlung des Vleeshuis auf. Das Spektrum der Objekte umspannt religiösen Kitsch des 19. Jahrhunderts, Tonpfeifen, Porzellan, Schiffsmodelle, Stadtpanoramen, eine Luxuslimousine, die 1930 in Antwerpen gebaut wurde, und vieles mehr. In Belgien scheint man auf Synergieeffekte zu bauen: Schon 2009 wurde in Lüttich das Grand Curtius eröffnet, das ebenfalls die Schätze verschiedener Museen zu einer großen Sammlung bündelte.

Aus der Not des musealen Gemischtwarenladens macht das MAS eine Tugend der Inszenierung. Die Sammlungen werden nicht starr nach den Kriterien herkömmlicher Museumsdidaktik präsentiert, sondern man wählt Objekte quer durch den Bestand, um Geschichten zu erzählen. Auf fünf Stockwerken, die hier „Boxen“ heißen, ist die Dauerausstellung ausgebreitet. Die spiegelt die reiche Historie einer Hafenstadt, die im Austausch mit der Welt stand. Eine Etage ist „Machtentfaltung“ überschrieben und behandelt den Prunk der spanischen Herrschaft über Antwerpen im 16. Jahrhundert, zeigt Zeugnisse der japanischen Kultur (wohin die Handelsschiffe fuhren) und aus Afrika, wo der belgische König den Kongo als Privatbesitz betrieb.

Die attraktivsten Objekte kommen aus dem Bereich der Ethnographie. Nicht nur, weil das einschlägige Museum großartige Bestände einbrachte. Sondern auch, weil im neunten Stockwerk als Dauerleihgabe der Flämischen Gemeinschaft die Sammlung von Paul und Dora Janssens-Arts zu sehen ist, eine grandiose Kollektion präkolumbianischer Kunst, die allein den Weg nach Antwerpen lohnt. Man sieht die lebensgroße Tonskulptur eines gefangenen Kriegers, der geopfert werden soll, prachtvollen Goldschmuck, Federgewänder und vieles mehr.

Außerdem bietet das Haus Raum für attraktive Wechselausstellungen. Es passt, dass das Koninklijk Museum voor schone Kunsten zur Zeit wegen einer grundlegenden Restaurierung geschlossen ist – voraussichtlich bis 2017. Die Ausstellung „Meisterwerke im MAS“ wurde um die wichtigsten Werke dieses Hauses konstruiert, um die van Eycks und Memlings, um die „Mona Lisa“ Antwerpens, Jean Fouquets wunderbar erotische Madonna mit Kind, und Rogier van der Weydens Altar der sieben Sakramente. Die Barockmeister wie Rubens, van Dyck und Jordaens sind nur in Auswahl zu sehen, aber doch alle präsent. Auch dabei waltete eine gewitzte Regie, die diesen Fundus ergänzte um Druckgrafik aus dem Museum Plantin Moretus, dem wichtigsten Druckhaus des Humanismus, und um zeitgenössische Arbeiten aus dem Museum van Hedendaagse Kunst. So entstehen spannungsvolle Dialoge über die Jahrhunderte hinweg, zum Beispiel zwischen barocken Kunstkammerbildern und einer modernen Kunstkammer von Panamarenko.

Mehr als ein Museum soll das MAS sein, behauptet sein Direktor Carl Depauw. Dazu gehört, dass das Haus bis Mitternacht Besuchern offensteht, zumindest die Flure und Treppen bis ganz nach oben. Man soll sich hier treffen, die Aussicht genießen. Und auch, wenn die Ausstellungen früher schließen, kann man noch Kunst anschauen: Im sogenannten Schaudepot lagern rund 180 000 Objekte der Sammlung, hinter transparenten Wänden. Eine Auswahl ist in Vitrinen und ausziehbaren Schubladen zu betrachten – bei freiem Eintritt.

Und noch etwas lockt ins MAS: Das Haus hat nicht nur ein Museumscafé, sondern im obersten Stockwerk das Restaurant 't Zilte, betrieben von Kiki Geunes, der zwei Michelin-Sterne hat.

Das Museum aan de Stroom. Boulevard geöffnet di – so 9.30 – 24 Uhr, Ausstellungen di – fr 10 – 17, sa, so bis 18 Uhr, Tel. 0032/ 3/ 338 44, 34, http://www.mas.be

Allg. Infos: Tourismus Flandern/Brüssel, Köln, 0221/270 97 70,

http://www.flandern.com

Quelle: wa.de

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