Martin Stadtfeld spielt Beethoven in Essen

ESSEN – Eigentlich ist Martin Stadtfeld schon fertig. Feierabend für den Künstler. Aber dann doch noch eine Etappe des Abends, die für das Publikum eine Überraschung ist: Ein Veranstalter der „Pro Arte“-Konzertreihe, betritt das Podium der Essener Philharmonie, bringt dem Pianisten einen Blumenstrauß und seine Glückwünsche. Stadtfeld hat am Samstagmorgen in Essen-Baldeney geheiratet, seine Frau hat er vor fünf Jahren in der Philharmonie Essen kennen gelernt. Die Wiener Symphoniker unter Vladimir Fedoseyev spielen Mendelssohn-Bartholdys Hochzeitsmarsch. Von Edda Breski

An seinem Hochzeitstag spielt Stadtfeld in Essen Beethovens drittes Klavierkonzert gemeinsam mit den Wiener Symphonikern unter Fedoseyev. Und dieser Beethoven ist so sonnig und mozartisch singend, so gezähmt und fast gänzlich vom Bekenntnischarakter befreit, dass man kaum glauben kann, welche Wirkung es einmal auf seine Zuhörer hatte. Beethoven hat nur ein Moll-Klavierkonzert geschrieben, eben dieses in der Schicksalstonart c-moll, dramatisch in der Haltung und vorausweisend auf spätere, sinfonischer gestaltete Werke der Gattung. Stadtfeld spielt es in der direkten Nachfolge der ersten beiden Beethoven‘schen Klavierkonzerte, die sich noch an die großen Vorbilder Mozart und Haydn halten. Die Beherrschung, die Formen – alles klassisch. Nur manchmal, da blitzt ein Zwiespalt von Form und Gefühl auf, in den Stadtfeld für Augenblicke hineinmusiziert, sekundiert von den Wiener Symphonikern, die eher duftig und reibungslos spielen. Manchmal, besonders im sehr empfindsam genommenen zweiten Satz, geht ein Akzent ins Schräge, formen sich Triller unvermittelt zum Klangcluster aus. Doch das verklingt. Manchmal wirkt Stadtfeld fast unbeteiligt.

Ein entfesselter und seine Werke entfesselnder Pianist ist Stadtfeld nun einmal nicht; er ist ein behutsamer Musiker. Wenn er spielt, wenn er den Werken nachspürt, merkt man ihm das Ringen an, das Schwanken, das ihn wohl überfallen will, wenn er zwischen seiner persönlichen Auffassung und dem Werkcharakter schwankt. In dem Beethoven fehlen ihm noch Haltung und vor allem Mut zum Abgründigen. In der Zugabe, Prokofjews Toccata opus 11, zeigt er die Rasanz und Virtuosität, die er eben auch kann.

Für den zweiten Teil des Abends haben die Wiener Symphoniker Brahms vierte Sinfonie e-moll auf den Pulten liegen. Sie spielen einen geschmeidigen, wienerischen Brahms, als wollten sie beweisen, dass die berühmteren Kollegen aus dem Musikverein nicht das einzige Wiener Orchester mit flüssig-goldener Klanggebung sind. Auch wenn die Symphoniker nicht in jedem Takt die unheimliche Präzision der Philharmoniker beweisen. Acht Kontrabässe hat Fedoseyev, bis 2004 Chef des Orchesters, aufstellen lassen. Es ist erstaunlich, welch samtige Präzision die acht Männer ihren Instrumenten entlocken. Mit Ebenmaß und Kraft durchschreitet Fedoseyev die vier Sätze. Sein Brahms lebt von seinem langen Atem und seinem unprätentiösen Zugang. Allerdings gibt es spannendere Interpretationen. Es verwundert nicht, dass die Symphoniker in den Zugaben fast lebendiger wirken als vorher. Johann Strauss‘ Walzer „Künstlerleben“ und die Polka „Unter Donner und Blitz“ vermitteln Wiener Gefühl.

Quelle: wa.de

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