Martin Schulze inszeniert Molières „Tartuffe“ in Münster

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Eine schrille Familie: Szene aus „Tartuffe“ mit Mark Oliver Bögel als Orgon (Mitte) in Münster ▪

Von Carmen Möller-Sendler ▪ MÜNSTER–Orgon hat‘s erwischt: Er hat den Frömmler Tartuffe aufgelesen, lauscht seinen sittenstrengen Reden, schenkt ihm jede Annehmlichkeit und betet ihn an, als sei‘s sein Fleisch gewordener Hausaltar. Was tut der Verblendete, während ihm seine Familie Vorwürfe macht, dass er dem Schmarotzer das Haus überschreibt, ihm gar die Hand seiner Tochter geben will? Er bückt sich nach einer liegen gelassenen Stinkesocke Tartuffes und führt sie sich genießerisch schnüffelnd an die Nase.

„Und stürben Kinder, Mutter, Frau mir jetzt, es würde mich nicht kümmern“, erteilt Orgon (Mark Oliver Bögel) seiner Familie eine Abfuhr. Ihn interessiert einen Dreck, dass die Gattin im Fieber lag – lieber erfährt er von Haushälterin Dorine, dass Monsieur Tartuffe (Aurel Bereuter) mit Appetit zwei Rebhühner und noch eine Hammelkeule vertilgt und danach selig geschlummert habe. „Der Arme!“ entfährt ihm wiederholt – ein Kommentar, der dem Publikum im Schauspiel Münster einige Lacher entlockte. Im Originaltext schreibt Molière seinem Orgon an dieser Stelle ein gerührtes „Der Gute!“ in die Rolle, doch die Abweichung setzt der Komik noch eins drauf.

In seiner Inszenierung setzt Martin Schulze auf Komik, was die von Molière ohnehin schon als Typen angelegten Charaktere zuweilen hölzern wirken lässt. Doch es ist einfach köstlich, wenn Tochter Mariane (Maike Jüttendonk), deren schmollende Unterlippe ein dramatisches Eigenleben führt, strampelnd und „Papaaaa!“-kreischend mit Lockenkopf und wirbelndem Petticoat einen Wutanfall hinlegt, der einer Dreijährigen alle Ehre machen würde. Schließlich will sie doch Valère (Christoph Rinke) heiraten, der sich als wenig hilfreicher Sturkopf erweist. Ihre Mutter Elmire (Claudia Hübschmann) ist ganz Grande Dame im roten, ärmellosen Hosenanzug mit sexy Smokingweste; eine Mischung aus lebenskluger Entschlossenheit und mädchenhaftem Charme.

Orgons Schwager Cléante (Gerhard Mohr) schlurft als mahnender und warnender Gelehrter durch das Stück. Ganz anders Madame Pernelle (Regine Andratschke), Orgons Mutter und die einzige, die seine Verehrung Tartuffes unterstützt: Sie bewahrt angesichts des von ihm angeprangerten Sittenverfalls tapfer Haltung.

Den Tartuffe gibt Aurel Bereuter als smarten, doch wenig charismatischen Typ. Kein Dogmatiker, auch kein aalglatter Widerling, eher nichtssagend mit schwarzer Hornbrille, dunklem Anzug und pink gestreiftem Oberteil, dessen Kragen geistlichen Gewändern abgeguckt ist. Dasselbe Outfit hat Ulrich Leithner (Kostüme und Bühne) auch Orgon verpasst, der vergeistigt lächelnd über dem häuslichen Chaos schwebt.

Und Haushälterin Dorine hält das Stück zusammen. Johanna Marx spielt die Unerschrockene, die ebenso klug wie resolut die Fäden zieht, mit erfrischender Bodenständigkeit.

Die Demontage des Titelhelden führt die Familie an den Rand ihrer Existenz, und es ist gut, dass man darüber lachen kann; sie geht erschreckend nahe. Denn wenn es auch heute vielleicht nicht die Kirche ist, die jemandem den Kopf verdreht, bis er bereit ist, Hab und Gut und seine Familie zu opfern – Möglichkeiten gibt es viele. Das Premierenpublikum belohnte die zweistündige Aufführung mit stehenden Ovationen.

29.11.; 7., 9., 14.12.,

Tel. 0251/ 59 09 100,

http://www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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