Martin Grubinger trommelt im Konzerthaus Dortmund

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Martin Grubinger in Dortmund ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Wenn in der Disco die Bässe sehr stark aufgedreht sind, gibt es einen ganz seltsamen Moment: als übernehme in der eigenen Brust ein anderer Taktmesser das Tempo. Als gebe nicht mehr das eigene Herz den Takt vor, sondern der Bass. Ein Gefühl, das die Kammermusik selten erzeugt; dennoch weckte der Abend von Martin Grubinger and friends im Konzerthaus Dortmund auch Tanzlust.

Kammermusik? Ja, denn das in der Aboreihe für diese kleine und feine Musikgattung angesiedelte Konzert bewies auch, wie fein die Abstimmung zwischen den Mitgliedern eines Perkussionensembles sein muss und wie sie ihre Parts für sich und in der Gemeinschaft entwickeln. In dieser Hinsicht enthielt der Auftritt des österreichischen Perkussionisten gemeinsam mit seinem Vater Martin Grubinger senior, seinem Lehrer Leonhard Schmidinger und anderen Partnern einige „Hinhörer”.

Kompositionen von Iannis Xenakis standen auf dem Programm, außerdem japanische Stücke und das naturbildhafte „Ghanaia” des deutschen Komponisten Matthias Schmitt. Der Titel spielt nicht nur auf das afrikanische Land an, sondern auch auf Gaia, das griechische Wort für Erde. In diesem Sinne, und auch im ansprechenden Eklektizismus der Stile – europäisch und afrikanisch – ist „Ghanaia” Weltmusik. Wellenrauschen, sonnige Rhythmuspatterns mit Cajons und Kalebassen, ekstatische Ausbrüche und die Soli von Louis Sanou aus Burkina Faso an der afrikanischen Perkussion machten „Ghanaia” zum Wohlfühlstück.

Ohrendröhnend gab die Gruppe Gas in „The Wave” der japanischen Schlagzeugerin Keiko Abe (2000), ein Stück voller überraschender Details – ein mit dem Kontrabassbogen gestrichenes Becken! – und kraftvoller Momente: die großen Trommeln werden wie japanische Trommeln geschlagen, die hervorragende, noch sehr junge Sabine Pyrker zeigt Kraft wie ein „Samurai Drummer”. So jung die Truppe ist, so souverän sind ihre Mitglieder. Pyrker ist erst 25, Martin Grubinger junior noch 27. Die jungen Perkussionisten touren mit großen Akteuren der klassischen Welt, dem City of Birmingham Orchestra unter Andris Nelsons und dem Gewandhausorchester Leipzig unter Riccardo Chailly.

Diese aufeinander eingestimmte Gruppe gefällt in den geschmeidigen Phrasen und den Klangfarben von Keiko Abes Kompositionen, zu denen auch „Prism Rhapsody” gehört. Martin Grubinger junior glänzt am Marimbaphon: ein virtuoser Spieler, der sichtlich Spaß hat, wenn er aufs Gaspedal treten kann und der die zweischlägigen Sextolenphrasen Keiko Abes in einem irren Tempo spielt. Ein weiteres eigentlich für Marimba und Orchester geschriebenes Stück spielt Grubinger mit dem Pianisten Per Rundberg: Bruno Hartels Konzert ist ein Stück, das die lyrischen und rhythmischen Möglichkeiten des Instruments auffächert. Trotz Rundbergs sorgfältiger Behandlung des Klavierparts wabern bei der Klangähnlichkeit der Instrumente zu viele Töne diffus durch den Raum.

Die Party vor dem Konzerthaus trägt eine ständige Geräuschkulisse bei; auch ins Konzert sind viele mit Dortmundschals, gelben Trikots und Jacken gekommen. Martin Grubinger hat sich natürlich vorbereitet und lobt mit jungenhaftem Lächeln sein Publikum: „Sie sind sozusagen unsere Südtribüne.”

Quelle: wa.de

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