Marlena Keils Soloabend „Zerline“ in Dortmund

+
Mühsam erklimmt sie den Rollkoffer: Marlena Keil als „Zerline“ am Schauspiel Dortmund.

DORTMUND - Wenn Marlena Keil hinter dem schweren, abgewetzten Rollkoffer hervorkrabbelt, dann hat sie sich ins alte Weib Zerline verwandelt, mit gebeugtem Rücken und schwerfälligen Bewegungen. Wenn sie nach einigen Minuten den schäbigen Mantel und den zerbeulten Hut wieder abwirft, dann verjüngt sie sich wieder zur jungen Magd mit dem straffen Körper und den sinnlichen Sehnsüchten.

In der Erzählung „Zerline“ von Hermann Broch schaut die Titelfigur auf ein unerfülltes Leben voller Selbsttäuschungen, voller Gefühlsschwankungen und unberechenbarer Taten zurück. Die Wendungen und Windungen der Dienstmagd, die von ihrer Affäre mit dem Liebhaber ihrer Herrin und dem unerfüllten Begehren nach ihrem Herrn spricht, bieten einer Schauspielerin beste Möglichkeiten zu zeigen, was in ihr steckt. Marlena Keil, seit 2015 im Ensemble des Schauspiels Dortmund, hat das Prosastück als Diplominszenierung ihres Studiums am Max-Reinhardt-Seminar in Wien gewählt. Seit vier Jahren hat sie „Zerline“ nicht mehr gespielt, nun ist die Inszenierung von Matthias Rippert im Studio Dortmund zu sehen.

Der Abend ist auch Virtuosenstück, eine Demonstration von Keils beträchtlicher Kunst, sich die widerspruchsvolle Figur anzueignen, sie in vielen Nuancen auszumalen. Dabei ist die Schauspielerin zunächst einfach Erzählerin der Rahmenhandlung um den trägen Andreas, dessen Mittagsruhe durch Zerline unterbrochen wird. Auch später tritt sie immer wieder kurz aus der Rolle, kommandiert „Musik!“ oder „Musik aus!“, um gleich wieder zur Dienstmagd zu mutieren. Und wie bringt sie den Zuschauern, die sie immer wieder verschwörerisch anspricht, denen sie zulächelt, mit denen sie auch etwas flirtet, diesen zwiespältigen Charakter nah, der Opfer und Täter zugleich ist! Am Anfang zeichnet sie die naive junge Frau voller Sinnlichkeit, die ihren Körper entdeckt und die abendliche Knutscherei im Garten geradezu verwundert nacherlebt. Keil lässt auch Komik, ja Slapstick zu, wenn sie von der Ausfahrt mit dem Adligen berichtet und das Klettern auf den Kutschbock nachspielt, indem sie den Rollkoffer besteigt. Das gelingt erst nach einem beherzten Sprung, nach dem sie längs auf dem Gerät liegt wie ein Fisch auf dem Trockenen, was schön ihr Fremdeln in dieser Beziehung zeigt.

Keil breitet so etwas wie einen Musterkoffer der Emotionen aus. Mit welcher Häme sie ihren Triumph unterfüttert, dass sie Sex mit Herrn von Juna hat und ihre Herrin nicht. Wie sie sich entrüstet über die geheimen Liebesbriefe, die sie abfängt und mit Wasserdampf öffnet, und wenn sie spöttisch eine Epistel vorträgt, dann trippelt sie dazu in schwarzen Dessous parodistische Tanzschritte. Von einem Satz auf den anderen schaltet sie das Gefühlsklima komplett um, resigniert, weil an sie kein romantisches Schreiben kommt, und trumpft dann auf, als es dann doch eintrifft. Wenn sie den „Seelenlärm“ ihrer Herrin attackiert, hebt sich ihre Stimme zum Wutschrei. Und in den Momenten, da sie von Enttäuschungen spricht, da lässt sie ihre Augen tränenfeucht werden.

Bei solchem Überschwang braucht es kein aufwendiges Bühnenbild, der Koffer und die Wand mit der stockfleckigen Tapete und dem Elchkopf genügen – die Ausstattung ist von Rippert, Keil, Katja Neubauer und Yaroslava Sydorenko. Dieses gut einstündige Solo, so intensiv, sinnlich und voller Stimmungsumschwünge, ist mehr als nur eine Talentprobe.

3., 30.5., 15.6., 5.7.,

Tel. 0231 /50 27 222,

www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert.

Hinweise zum Kommentieren: Auf soester-anzeiger.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare