Markus Feldenkirchens Berlin-Roman „Keine Experimente“

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Beschreibt den Berliner Politikbetrieb: Romanautor Markus Feldenkirchen.

Von Ralf Stiftel Auf den ersten Blick klingt die Geschichte wie die Persiflage eines Groschenromans. Der sturzkonservative Bundestagsabgeordnete Frederik Kallenberg hält die christlichen Familienwerte wie eheliche Treue hoch und fordert, dass die Frau sich um Kinder und Haushalt kümmert. Ausgerechnet er verliebt sich in eine Feministin und stürzt dadurch in eine Sinnkrise. Und dann verschwindet er von der Bildfläche.

Dass der Roman „Keine Experimente“ keine flache Politsatire geworden ist, kann man Markus Feldenkirchen nicht hoch genug anrechnen. Dabei läge es nahe: Der Titel zitiert einen CDU-Wahlslogan der Adenauer-Zeit. Der Autor, 1975 in Bergisch Gladbach geboren, ist Berliner Parlamentsautor des Spiegel. Man merkt, dass er mit dem Parteien- und Regierungsbetrieb vertraut ist, wenn er von den schmutzigen Tricks schreibt, mit denen unbequeme Abgeordnete auf Linie gebracht werden. Und wie er Feldenkirchens Rapport bei der Kanzlerin schildert, bei dem sie erst ein „Eierlikörchen“ serviert, dann den unbotmäßigen Konservativen einnordet und ihm schließlich ein Angebot macht, das er nicht ausschlagen kann, das ist so nah am Vorbild, dass man Mutti direkt vor Augen hat. Dabei nennt Feldenkirchen nicht mal ihren Namen, so wenig wie die CDU. Famos auch die anderen Porträts aus einem verlogenen Betrieb. Die Feministin Alice Schwarzer zum Beispiel wird als Dagmar Kappler porträtiert, und das trifft so boshaft genau, weil Feldenkirchen nur ganz wenig zuspitzt.

Solche Momente eines Schlüsselromans würzen die Erzählung, bestimmen sie aber nicht. Feldenkirchen mischt hier auf gelungene Weise Elemente des Schelmenromans und des Märchens. Sein Held kommt als reiner Tor in die Politik, und er bleibt ein idealistischer Außenseiter. Woher sonst könnte ein Kallenberg kommen als aus dem Sauerland? Der fiktive Ort Waldhagen (so hieß einst das Musterdorf im Schulfunk) mit seiner Rückständigkeit prägt den jungen Frederik. Feldenkirchen gibt ihm eine tragische Kindheit mit, einen trinkenden Vater, eine fremdgehende Mutter, eine freundlose Schulzeit. „An manchen Tagen“, heißt es einmal, „war das Sauerland eine einzige Einladung, sich das Leben zu nehmen.“ Die heile Familie lässt der Autor seinem Protagonisten als Idyll erscheinen. So motiviert er geschickt, wenn auch etwas überdeutlich, Frederiks Entwicklung.

Vor allem verrät Feldenkirchen seine Hauptfigur nicht an schnelle Pointen. Er zeichnet ihn liebenswert, einfühlsam, gebildet (ein Fontane-Liebhaber), und manches Mal stimmt der Leser mit ihm überein, zum Beispiel wenn er sich über rücksichtslose Telefonierer in voll besetzten Zügen ärgert. „Neben dem Terrorismus, der Wollust, der Frauenbewegung und dem Internet hielt er den Zynismus für eine der zersetzendsten Plagen unserer Zeit“, schreibt der Autor über Kallenberg. Und selbst der geschmähten Provinz widerfährt, bei passender Laune des Helden, Gerechtigkeit. Dann denkt Frederik: „An manchen Tagen wirkt das Sauerland wie eine viele tausend Quadratmeter große Einladung, dem Herrgott zu danken oder einfach nur loszujauchzen...“

Weil Feldenkirchen bei aller Lust an Überzeichnung und Satire den Gefühlskonflikt des Abgeordneten ernst nimmt, berührt dieses Buch. Es verzichtet auf eine plakative Auflösung. Und ist am Ende so etwas wie ein Plädoyer für die Liebe, das man nicht peinlich finden muss.

Markus Feldenkirchen: Keine Experimente. Verlag Kein & Aber, Zürich. 399 S., 22,90 Euro

Quelle: wa.de

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