„Mario und der Zauberer“ am WLT in Castrop-Rauxel

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Signora Angioliere (Sophie Schmidt) erzählt in Castrop-Rauxel aus „Mario und der Zauberer“. Im Hintergrund sind Bülent Özdil (von links), Burghard Braun, Thomas Zimmer und Gabriele Brüning zu sehen.

Von Ralf Stiftel -  CASTROP-RAUXEL Gleich fünf Mal betritt Thomas Mann die Bühne. Fünf Schauspieler im weißen Sommeranzug mit Hut und Einstecktuch stellen sich vor wie im Kino: „Mein Name ist Mann, Thomas Mann.“ Der Autor steht am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel für seinen Text ein.

Die Novelle „Mario und der Zauberer“ ist kein Bühnenstück. Regisseur Markus Kopf lässt es erzählen, vom „Zauberer“ persönlich, wie Mann in seiner Familie genannt wurde. Der verfünffachte Autor tritt als eine Art Chor auf, und einzelne Darsteller schlüpfen in spezielle Rollen. Auf diese Weise lässt sich Manns Text als Kammerspiel in gut 90 Minuten auf die Bühne bringen, ziemlich textnah und ohne dass Entscheidendes ausgelassen werden muss.

Der moderne Klassiker also im Schnelldurchlauf, entstanden aus einem etwas frustrierenden Italien-Urlaub der Familie Mann. Wir erleben, wie der Erzähler seine Familie – den Kindern zuliebe – in eine Varieté-Vorstellung führt, zum Magier und Hypnotiseur Cipolla. Der bucklige Scharlatan macht sich die ganze Gesellschaft gefügig, lässt sie buchstäblich nach seiner Pfeife tanzen, bis er es zu weit treibt, zu einem blutigen Ende. Mann selbst hat im Nachhinein seinen 1930 publizierten Text als Vordeutung des Faschismus bezeichnet. So eindeutig aber liegt der Fall nicht. Zu schillernd ist die Figur des Verführers gezeichnet, zu schlicht sind die Tricks.

Gut also, dass Regisseur Kopf auf nachholende Aktualisierungen verzichtet, die Fascho- und Nazisymbole im Kasten lässt und erzählen lässt. Ganz am Anfang hat allerdings Thomas Mann selbst das Wort, mit dem Auszug aus einer Radioansprache von 1939, in der er sich als Warner stilisiert. Dann aber übernehmen die alter egos auf der Bühne, und es ist schon eine große Leistung, wie Manns komplexe Prosa vorgetragen wird. Da wechselt manchmal der Sprecher von einem Teilsatz auf den nächsten. Das geht flüssig und sehr gut artikuliert.

Und es öffnet sogar den Text für feine Akzentuierungen. Wenn die fünf Manns davon erzählen, wie schlecht man sie in Torre di Venere behandelt hat, dann schwingen in der selbstgewissen Anklage Wehleidigkeit und Rechthaberei mit. Da spricht nicht mehr der souveräne Zeitkritiker, sondern der mäkelige Tourist.

Die Darsteller meistern neben Manns Prosa auch einige weitere Herausforderungen, um aus dem szenischen Vortrag doch noch wirkliches und unterhaltsames Theater zu machen. Thomas Zimmer und Bülent Özdil untermalen mit Beatbox-Einlagen die Tanzszene. Gabriele Brüning verkörpert souverän den schmierigen Scharlatan Cipolla, umtänzelt ihre Opfer, umfängt mit ausladenden Gesten ihre Körper, ohne sie zu berühren, säuselt mal und befiehlt schneidend im nächsten Moment.

Burghard Braun gibt den zaudernden, verunsicherten Erzähler, der abgestoßen und fasziniert zugleich ist. Zimmer ist der gedemütigte Mario, der buchstäblich entblößt wird. Sophie Schmidt gibt die verleitete Signora Angiolieri.

WLT Castrop-Rauxel 17., 18.12., 9., 10., 11., 13.1.,

Kurhaus Hamm 15.1., Kulturhaus Lüdenscheid 20.3., Tel. 02305 / 978 020, www.westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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