Mariame Clément inszeniert Mozarts „Hochzeit des Figaro“ in Dortmund

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Will sie doch? Der Graf (Gerardo Garciacano) hält Susanna (Anke Briegel), Basilio (Hannes Brock) wittert einen Skandal in der „Hochzeit des Figaro“ in Dortmund. ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Über die Ehe dichtete Kurt Tucholsky, der so vieles im tragisch-komischen Doppelsinn erfasst hat: „Das ist schwer: ein Leben zu zwein/Nur eins ist noch schwerer: einsam sein.“ An der Oper Dortmund spürt die französische Regisseurin Mariame Clément in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ einer doppelten Beziehungsdramatik nach – so intelligent und sensibel, dass Tragik und Komik eine seltene bühnenalchimistische Verschmelzung vollziehen.

Figaro und Susanna zanken sich zwischen Wäschebändern und Höschen. Er soll ihren Schleier bewundern, zählt aber lieber sein Geld. Derweil entfaltet sich das Leben im Grafenschloss auf einen Blick: Don Basilio (Hannes Brock) gibt Musikunterricht, der Graf poliert seine Schießgewehre; ein entzückendes Rokokoambiente (Bühne und Kostüme: Julia Hansen).

Das Drama zwischen Weißzeug und Jagdkammer ist echt. Graf und Gräfin Almaviva haben ein Kind, da ging die Liebe verloren. Almaviva (Gerardo Garciacano) ist dem Da-Ponte-Helden Don Giovanni nahe: Er würde gerne, darf aber nicht. Susanna lässt sich seine Küsse zwar mit mehr Hingabe gefallen, als sie sich eingesteht, aber mehr kriegt er nicht. Zu seiner Gattin darf er ins Bett fallen, aber da kommen auch schon Marcellina (Katharina Peetz mit altjüngferlichem Beben) und Bartolo (Christian Sist, der enthusiastisch den Oberlehrer gibt). Was Wunder, dass die Gräfin ihm nur zwischen die Beine greifen muss, damit der Rest seines Verstandes flöten geht.

Eleonore Marguerre gibt der Contessa in den Arien einen noblen Ton und sonst viel Kratzbürstigkeit. Sie heizt mit ihrer koketten Kälte Ileana Mateescus herb-dreisten Cherubino an.

Das Paar, das erst noch heiraten wird, liebt sich, und doch müssen beide lernen, für sich selbst zu stehen. Anke Briegel ist als Susanna ein so liebenswürdiges wie keckes Blondchen, das sich in der Rosenarie zwischen Flirt und Gefühl verliert. Briegel lässt ihren leichten Sopran kontrolliert funkeln. Morgan Moody ist ein übermütiger Figaro, der seinen Spott manchmal zu sehr forciert.

Es geht um Gefühl und Vernunft. Im vierten Akt sind die Marcellina-Arie und Basilios Esel-Fabel zugunsten der Beziehungsdynamik gestrichen. Der Begriff des Privaten ist aufgehoben. Die Gräfin räkelt sich im Bett, und jeder kann zuschauen. Mariame Cléments Bühnenfiguren sind zeitlos in Rokokodekor, offen und verletzlich. Es ist eine große Stärke der Inszenierung, dass sie nie ins Voyeuristische verrutscht, sondern Menschen zeichnet, Räume öffnet. Die Handlung folgt der Logik von Partitur und Libretto. Es macht Freude, eine so verständnisvolle Zusammenarbeit von Regie und Dirigent zu erleben.

Es gewinnt die Musik. Jac van Steen zeigt im Orchestergraben, was Dortmund nach seinem Weggang schmerzhaft fehlen wird. So fedrig und warm klingt Mozarts Musik, so feinfühlig zeichnet er die Affekte nach. Genau achtet er auf den Puls, den verlässlichen Gradmesser der Gefühle. Man muss hinhören, wie er stockt, als Barbarina die Nadel verliert, wie bleich da die Streicher klingen. Clément lässt die Intrigen zwischen Herbstblättern enden. Figaro glaubt sich betrogen, sein Schmerz ist echt, und doch sagt die Musik viel mehr. Die Violinen umschäumen seine Tirade gegen die Frauen, das Horn spottet, und in jeder Note klingt liebevolles Verständnis mit.

3., 9., 23., 31.3., 21.4., 31.5., 8.6., Tel.: 0231/50 27 222,

http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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