Maria Happel und Martin Schwab brillieren mit Goethes „Hermann und Dorothea“

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Bringen Goethes Text zum Leben: Martin Schwab und Maria Happel in „Hermann und Dorothea“.

RECKLINGHAUSEN - Maria Happel und Martin Schwab sitzen an kleinen Tischen, in einem Meer aus flackernden Teelichtern. Und sogleich erwecken sie die Hexameter von Johann Wolfgang Goethes Epos „Hermann und Dorothea“ zu Leben.

Bewegt von Emotion schildert Schwab das Elend der Flüchtlinge, und wenn er vom Staub und der Hitze spricht, nimmt sie die Brille ab, fächelt sich Luft zu. Alfred Kirchners Inszenierung des Wiener Burgtheaters ist viel mehr als eine „szenische Lesung“. Die beiden grandiosen Darsteller holen beim Gastspiel bei den Ruhrfestspielen das klassische Idyll auf bewegende Art an die Gegenwart.

Der Kontrast ist ja höchst irritierend. Da ist die bürgerliche Behaglichkeit, mit der der treffliche Wirt des Goldenen Löwen zu seiner „klugen verständigen Hausfrau“ spricht. Allein schon all die Adjektive wie „gut“, „traulich“, „trefflich“, „edel“, „würdig“, die eine Ordnung des Lebens behaupten und der Not der Vertriebenen Hohn sprechen. Andererseits äußert sich im 1797 veröffentlichten Text ein Mitgefühl für die Heimaltlosen, ein vorweggenommenes „Refugees welcome“. Angesichts wachsender Fremdenfeindlichkeit klingt in des Wirtes Ausruf „Geben ist Sache des Reichen“ ein moralisches Bewusstsein mit, das in der Politik gerade verloren geht.

Bei Happel und Schwab wird die Liebesgeschichte zwischen dem Wirtssohn und dem Flüchtlingsmädchen zu einem konzentrierten Drama, das die Zuschauer in jedem Augenblick gefangen nimmt. Nie verraten sie den Text, der mit seiner strengen Form und seiner gezierten Sprache mehr als eine Gelegenheit dazu böte. Aber sie arbeiten den Witz, ja die Situationskomik heraus, wenn zum Beispiel Schwab in der Stimme des Pfarrers eine ganz ungeistliche Freude an dem schönen Körper der Jungfrau mitschwingen lässt. Oder wenn sie die schwärmerische Beschreibung, die Hermann von Dorothea gibt („Der rote Latz erhebt den gewölbten Busen...“), im Chor aufsagen. Oder wenn Maria Happel sich ans Klavier setzt und ein wenig Mozart singt, während Schwab von Hermanns Demütigung bei den hochnäsigen Kaufmannstöchtern erzählt. Oder wenn sie den nächtlichen Gang durchs Gewitter schildern, mit großer Dramatik, und Happel steht ruhig neben Schwab, die Hand auf seiner Schulter. Nach jedem Kapitel legen sie einen Blumenkranz auf die Bühne oder heften einen an das Bild von sanften Wellen, eine Anspielung auf die modernen Flüchtlingsströme über das Mittelmeer.

Sie kriegen es hin, dass die Hexameter klingen und zugleich Gefühle tragen, dass der Zuhörer Goethes formales Experiment gar nicht mehr wahrnimmt vor Verzauberung und Rührung. Großer Beifall für die grandiose Vergegenwärtigung eines Klassikers.

Quelle: wa.de

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