Marc Degens‘ Roman „Das kaputte Knie Gottes“ spielt im Ruhrgebiet

Von Ralf Stiftel ▪ „Das kaputte Knie Gottes“, so heißt im Roman von Marc Degens eine Skulptur aus Beton. Mit diesem Werk hat der junge Bildhauer Dennis erstmals Erfolg. Die charmante Jungkommunistin Lily fällt ihm in die Arme. Und später kauft ihm Jupp vom Bau das Stück für „zweitausend Kröten“ ab. Es ist der kleine Beginn einer hoffnungsvollen Karriere für ein Talent aus dem Ruhrgebiet.

Marc Degens, geboren 1971 in Essen, schreibt nicht nur, sondern arbeitet auch als Verleger. Er hat den Roman „Strobo“ des Bloggers Airen herausgebracht, der im Zuge des Plagiatsskandals um die Jungautorin Helene Hegemann bekannt wurde. Populär war auch Degens‘ Literaturkolumne „Unsere Popmoderne“. Der Autor lebt nicht mehr in Bochum, sondern in Bonn. Kürzlich luden er und sein Verlag zu einer Tour an die Schauplätze des Buchs. Es wurde eine nostalgische Reise. Immer wieder fragte er nach. Ob es die vielen Katzen in der „Katzenstube“ noch gebe. Oder die Kneipe „Vorlesung“ unten im Studentenwohnheim. Und in diesem Aldi-Markt spielt die Szene, in der junge Schauspieler zur Übung Kaffee klauten... Alles irgendwie authentisch. Und auch ein Stück vergangen.

Degens‘ Roman würdigt die Ruhrgebietsstadt und ihre Bewohner. Jupp vom Bau zum Beispiel, der so prollig daherquatscht, der entpuppt sich als feinsinniger Kunstexperte. Und sein polnischer Kollege, der ihm beim Abtransport der sperrigen Skulptur hilft, der kauft gleich das nächste Werk von Dennis. Aber nicht die Erfolge machen den Reiz dieses Buchs aus. Sondern die Katastrophen.

Dennis ist ein seltsamer Held, besessen davon, große Betonskulpturen von Körperteilen zu fertigen, neben dem kaputten Knie auch einen riesigen Penis als Werbemittel für einen studentischen Porno-Video-Verleih. Über seine Erlebnisse berichtet uns als Ich-Erzähler und getreuer Eckermann sein bester Freund Mark. Was sich liest wie eine Folge schräger Anekdoten, bei denen Dennis unter anderem in einem Frauenhaus ausstellt, sich mit einem kranken Rottweiler-Mischling zu einem Spezialisten nach Dänemark aufmacht und mit dem Team eines Sex-Magazins im Privatfernsehen konfrontiert wird, das fügt sich zu einer Parallelführung der beiden Biografien. In Nebensätzen erfährt der Leser, wie Mark seine Lehrerausbildung absolviert und eine bürgerliche Existenz aufbaut, die in der Geburt der Tochter Laura kulminiert. Dennis hingegen, anfangs der weltfremd-liebenswerte Eigenbrötler, mutiert zum Szenekünstler, der seine Arbeiten teuer verkauft, aber als Freund immer mehr versagt.

Degens kommt ohne die üblichen Ruhrpott-Klischees aus. Er hat das natürlich schon drauf und macht sich darüber lustig. Zum Beispiel in der Anmoderation des ziemlich missratenen Fernsehfilms über Dennis: „Bochum-Wattenscheid. Heimat von Kumpels, Malochern, Arbeitslosen und Türken. In dieser Stadt wohnt Dennis Kirchner, achtundzwanzig Jahre alt, Beruf: Bildhauer. Sex ist sein Leben.“ Nebenbei gibt es einige hübsche Spitzen gegen den Kulturbetrieb, zum Beispiel, als ein Pornofilm plötzlich Cineasten anlockt, die das Werk mit Sätzen kommentieren wie: „Der Geschlechterkampf wurde seit Bergman nicht mehr so radikal inszeniert.“

Marc Degens: Das kaputte Knie Gottes. Knaus Verlag, München. 255 S., 17,99 EuroORTSMARKE –

Quelle: wa.de

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