Malerei im Raum: Duisburg zeigt Bernard Schultze

+
Herausragend: Bernard Schultze verwandte für „lynth“ (1960) Draht, Holz, Textilien, Plastikmasse und Öl auf Leinwand. ▪

Von Annette Kiehl ▪ DUISBURG–Am Anfang der Karriere von Bernard Schultze stand die Zerstörung. Kurz nach dem Kunststudium wurde er als Soldat im Zweiten Weltkrieg nach Russland und Afrika geschickt und erlebte Leid und Vernichtung ganz unmittelbar. Auch zu Hause: Bei einem Bombenangriff auf Berlin zum Ende des Krieges verbrannten seine bislang geschaffenen Werke.

Bestärkt durch Begegnungen mit Künstlern wie Emil Nolde gelang es Bernard Schultze, nach Kriegsende im zerbombten Frankfurt am Main neu anzufangen. Er verwandelte das Trauma und die Angst in eine künstlerische Kraft und wurde zu einem Forscher, Erneuerer und prägenden Künstler Deutschlands. Heute noch gilt er als „Vater des Informel“. Die Ausstellung „Gegenwelten“ im Duisburger Museum Küppersmühle verfolgt diese Entwicklung und breitet sein künstlerisches Universum aus.

Die Befreiung von der gegenständlichen Malerei und ihren Traditionen markiert den Aufbruch Schultzes in der Nachkriegszeit. Drei Gemälde dokumentieren seinen Ausgangspunkt in der figurativen Darstellung. „Sonja“ (1945/46) zeigt eine junge Frau in einer klassischen Aktpose vor einem Spiegel; die Arme recken sich vom nackten Oberkörper hin zum langen blonden Haar. Doch die Formen lösen sich auf: Das Haar verschwimmt in den leuchtenden Farben des Himmels, als würde es aufgesogen. Hinter den sichtbaren, tatsächlich vorhandenen Dingen tut sich eine andere Welt auf.

Am Stadtrand von Frankfurt, zwischen Gärten und Hinterhöfen, entstanden 1951 Schultzes erste informelle Bilder. „Insektenwelt“ und „Sommerlich“ heißen diese Werke und man spürt, dass der Maler nach einem neuen, freien Ausdruck jenseits des bestehenden Formvokabulars suchte: Die Farben sind in mehreren Schichten aufgetragen, von Linien, sich Flecken und Geflechten durchzogen.

Schultze besuchte in dieser Zeit regelmäßig Ausstellung amerikanischer Künstler wie Jackson Pollock und suchte den Austausch. Bei Reisen nach Paris und New York fand er Kritik und Anregung für seine weitere Entwicklung. 1952 schloss er sich mit K.O. Götz, Otto Greis und Heinz Kreutz zur „Quadriga“, der ersten avantgardistischen Künstlergruppe im Nachkriegsdeutschland, zusammen. Doch die Anerkennung beschränkte sich auf die Kunstszene. In einem zerstörten Land hätten die Menschen wenig Interesse für die abstrakten Ausdrucksformen einer neuen Kunst gehabt oder diese argwöhnisch beobachtet, schreibt der Theater- und Kunstkritiker Peter Iden.

Schultzes Mut und seine künstlerischen Leistungen sind in der Schau ganz deutlich sichtbar: Mit wabernden Farben und nicht greifbaren Formen ziehen seine Gemälde den Blick in sich hinein. Ein mitunter düsterer, doch stets schwerelos wirkender Kosmos entfaltet sich, dicke Farbaufträge und auf der Leinwand angebrachte Schnüre, Zweige oder Papiere quellen förmlich aus dem Bild.

Mit den „Migofs“ entwickelte Schultze Anfang der 1960er Jahre diese Linie radikal weiter in die dritte Dimension. Die in den Raum wuchernden, bizarren Gebilde, mal an Pflanzen und mal an Tiere oder auch Menschen erinnernd, wirken apokalyptisch, doch irgendwie auch lustig. Der „Gartenmigof“ von 1990 zum Beispiel – eine alienhafte Skulptur aus umhüllten Draht, die eine Art Kopf neugierig in die Höhe streckt. Was das Wort „Migof“ bedeute und was die Skulpturen genau darstellen, wisse er nicht, sagte Schultze in den 1970er Jahren: „Vielleicht: die Heiterkeit nach der Katastrophe“.

Bis zu seinem Tod im Jahr 2005 strebte der dreimalige documenta-Teilnehmer nach neuen Darstellungsmöglichkeiten. Die „Zungen-Collagen“ zeugen von dieser Haltung und bestechen mit ihrer filigranen und unaufdringlichen Ausstrahlung. Ein leichter Windzug würde die auf dem Bild angebrachten Papierzungen wie Herbstlaub in Bewegung bringen. Großformatige Gemälde erzählen Geschichten von einem Universum jenseits des Sichtbaren. Jede Farbe bietet dem Auge eine eigene Perspektive auf diese Gegenwelt. Schultze gab solchen Werken Titel wie „E.T.A. Hoffmanns Eskapaden“ oder „Denn unter unseren Füßen gibt‘s keine Vernunft“. Er wollte ein Gefühl von Aufbruch und Energie vermitteln.

Bis 20. Januar 2013, mi 14-18 Uhr, do-so 11-18 Uhr

Tel. 0203/30194810; www. museum-kueppersmuehle.de

Katalog 29,80 Euro

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare