Maler der Neuen Sachlichkeit: August Wilhelm Dressler auf Haus Opherdicke

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Im neuesten Berliner Schick malte August Wilhelm Dressler die Frau „Vor dem Spiegel“ (um 1930). Das Bild ist auf Haus Opherdicke zu sehen.

HOLZWICKEDE - Die Frau, die auf August Wilhelm Dresslers Gemälde „Vor dem Spiegel“ ihr Make-Up auffrischt, lebt ganz in der Gegenwart. Abendkleid mit Rückenausschnitt, Kurzhaarfrisur – da macht sich eine Großstadtpflanze für das Nachtleben zurecht.

Das um 1930 entstandene Bild wirkt nicht inszeniert, sondern aus dem Leben gegriffen. Eine Momentaufnahme von einer modernen, emanzipierten Frau. Zu sehen ist es in der Ausstellung „Die Poesie des Alltags“, die ab Sonntag auf Haus Opherdicke in Holzwickede gezeigt wird. Dressler (1886–1970) gehörte zwischen den Weltkriegen zu den anerkannten Meistern der Neuen Sachlichkeit. Er wurde von Max Liebermann gefördert, stand in freundschaftlichem Kontakt mit Otto Dix, war auf zahlreichen Ausstellungen, auch im Ausland, vertreten und gewann wichtige Preise wie den Rompreis (1927) und den Dürerpreis der Stadt Nürnberg (1928).

Obwohl seine Kunst heute kaum noch provokant wirkt, hatte die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten einen Karriereknick für Dressler zur Folge. Die Machthaber entließen ihn aus seiner Stellung als Lehrer an den Vereinigten Staatsschulen Berlin, ein Bild von ihm wurde in der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt. Zwar gab es nah 1945 eine gewisse Rehabilitation für Dressler. So bekam er wieder Lehraufträge und wurde 1956 mit dem Berliner Kunstpreis ausgezeichnet. Aber er war längst nicht mehr so präsent auf dem Kunstmarkt. Das mag daran liegen, dass er sich praktisch nicht weiterentwickelt hatte, noch in dem gleichen neusachlichen Stil seiner Anfangszeit malte, während die Abstraktion en vogue war. Als die Berliner Galerie Nierendorf ihm 1967 eine Einzelausstellung widmete, ließ das Haus sich das Risiko vom Künstler absichern. Weil nicht genug Umsatz gemacht wurde, musste Dressler Nierendorf zwei Bilder überlassen.

Die Ausstellung des Kreises Unna ist mit mehr als 100 Werken die bislang umfangreichste Würdigung Dresslers. Den Kuratoren Sigrid Zielke-Hengstenberg und Arne Reimann waren einzelne Werke Dresslers in der Sammlung Brabant aufgefallen. So entstand der Plan einer Werkschau. Sie mussten Grundlagenarbeit leisten, denn es gibt kaum Literatur zum Künstler, immerhin Nachlass-Material im Deutschen Kunstarchiv in Nürnberg. Viele Fragen lassen sich noch nicht beantworten, zum Beispiel zu den Personen auf Dresslers Porträts. Man weiß auch, dass der Künstler eine angegriffene Gesundheit hatte, oft Kurorte aufsuchte (in der Ausstellung sieht man das Gemälde „Kurpark Steben“, um 1950). Aber woran er litt, ist unbekannt. So muss man sich an die Bilder halten.

Speziell die Gemälde und Grafiken vor 1933 zeigen einen nicht revolutionären, aber sehr zeitgemäßen Chronisten. Technisch wunderbar durchgearbeitet ist das Bild „Mutter und Kind“ (1927), auf dem er seine Frau, die Bildhauerin Käthe Knorr, und seine Tochter mit geradezu altmeisterlicher Detailversessenheit porträtiert. Gleichzeitig schildert er liebevoll ein modernes Interieur der 1920er Jahre bis hin zur Topfblume. Viele Werke gingen im Krieg verloren. Man hätte sich noch mehr Werke gewünscht wie die Radierungen „Beim Billard-Spiel“ (um 1930), „Das Schachturnier“ (um 1925) und die „Journalistin“ (ohne Jahr), die er im Herrenanzug, mit Pfeife darstellt. Solche Einblicke in das Großstadtleben sind in der Schau Ausnahmen.

Paare sind ein Thema, das er immer wieder aufgreift. Das „Liebespaar“ (1924) zeigt sie im modernen Kleid auf seinem Schoß, sie blicken sich an, man spürt das gewisse Knistern zwischen den beiden. Ein weiteres Bild (1927) zeigt ein reiferes Paar, stehend, und ein kahler Baum im Fenster unterstreicht die herbstliche Stimmung dieser Liebe. Geradezu frivol ist die Radierung „Beim Wein“ (1926), wo Dressler die Frau etwas unsicher darstellt, während der Mann aus den Augenwinkeln mit deutlichem Begehren auf sie blickt. Breiten Raum in Dresslers Schaffen nehmen Akte ein, vor allem Zeichnungen.

Auch sonst bietet die Ausstellung erstaunliche Bilder. Zum Beispiel das fast lebensgroße Porträt, das Dressler 1928 von seinem Förderer Max Liebermann schuf. Er stellt den Malerfürsten bei der Arbeit dar, mit Palette und Pinsel an der Staffelei, korrekt gekleidet im teuren Anzug mit Weste. Ungewöhnlich für einen Vertreter der Neuen Sachlichkeit sind die vielen Landschaftsdarstellungen, die vielleicht mit seiner Gesundheit zu tun haben, zum Beispiel eine ganze Serie von Waldszenen. Und nach dem Krieg schuf er zahlreiche Bilder von Tänzerinnen, langhälsige, ein wenig steife Damen, deren Schwünge überaus reizvoll sind.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, bis 8.4.2018, di – so 10.30 – 17.30 Uhr, Tel. 02301/918 39 72, www.kreis-unna.de

Katalog, Verlag Kettler, Dortmund, 25 Euro

Quelle: wa.de

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