Mahir Günsiray inszeniert „Faust“ am Schauspielhaus Bochum

+
Im Kreise der Mephistos: Andreas Grothgar als „Faust“ in Bochum. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Kauenhaken hängen von der Decke, daran Mäntel, eine Gießkanne, ein Schirm, ein Vogelkäfig. Darunter vertreibt sich eine bunte Gesellschaft die Langeweile. Gearbeitet wird auf dieser Zeche schon lange nicht mehr. Man läuft herum, man trinkt, man kratzt sich, man verschwindet schon mal zu zweit hinter der Bühne und produziert seltsame Laute. Einer wandelt Froschs Satz aus Auerbachs Keller ab: „Wir sind ja heut wie nasses Stroh.“ Dann schreit ein Mann fürchterlich, schleppt sich in die Truppe mit den berühmten Worten: „Habe nun, ach! Philosophie...“ Faust ist angekommen in der Inszenierung am Schauspielhaus Bochum.

Der neue Intendant Anselm Weber hat für sein Haus „Boropa“ ausgerufen, eine Orientierung nach außen, einen Blick über den Tellerrand des Stadttheaters hinaus. Dazu gehört, dass er das deutsche Erzdrama dem türkischen Regisseur Mahir Günsiray anvertraut. Der spielt seit 1996 mit einer freien Gruppe in Istanbul Stücke des westlichen Kanons, Brecht, Kafka, Büchner. Daher war wohl auch nicht zu erwarten, dass der Regisseur einen Multikulti-Klassiker auf die Bühne bringt. Es gibt eine Szene, in der die Akteure kommen, Teppiche ausrollen und ein Ritual ausführen, bei dem sie ihre Köpfe in Wasserschalen tunken und später Messer wetzen. Vielleicht spielt das auf blutdurstige Islamisten, auf fromme Fanatiker an. Aber es steht als Detail am Rande des Abends. Günsiray interessiert der zweite Teil von Goethes Drama mehr als der erste, er findet Fausts Konfrontation mit dem Sozialen packender als die privatistische Liebesgeschichte mit Gretchen. So stellt er um, dampft ein, kondensiert und bietet in dreieinhalb Stunden den ganzen „Faust“.

Vom Besetzungszettel sind praktisch alle Figuren verschwunden, der Titelheld blieb, es gibt gleich acht Mephistos, dazu noch den Homunculus und Lynkeus. Der aufgespaltene Teufel tritt als alleiniger Kontrahent Fausts auf, eine Truppe aus Gauklern, Hippies und Außenseitern, und Goethes Weltendrama schießt zusammen zu einem Trickbetrug der Bande an einem verwirrten, überarbeiteten Hochschulangestellten. Die acht übernehmen, was von Goethes Personal gerade gebraucht wird. Therese Dörr zum Beispiel verwandelt sich in Grete, und ihr gelingt es, im arg gestrafften Liebesdrama emotionale Akzente zu setzen. Da wird nicht lang gefreit und mit Juwelen geschmeichelt, da liegen beide ruckzuck aufeinander, sie wird schwanger, der Bruder stirbt, sie wird auf einem Tisch mit Blut beschmiert. Dem „Gerichtet“ folgt kein „Gerettet“, die Regie erdet das Drama ganz ins Diesseits.

Dieses Konzept führt zu einigen Verlusten, nicht nur, weil Günsiray den Text vor allem im ersten Teil umstellt, zerlegt, fragmentiert. Aber dafür bietet die Inszenierung auch starke Bilder, zum Beispiel bei Gretes Tod, wenn alle Mephistos weiße Brautkleider tragen und einen tristen Trauerreigen tanzen. Oder den Auftritt des Homunculus, den Xenia Snagowski als komödiantisches Kabinettstück entwickelt, wenn sie sich vom Wasserkessel soufflieren lässt und dem ausgestopften Huhn das Fliegen beibringt. Und auch Andreas Grothgar in der Titelrolle schultert souverän die Last, immer im Zentrum des Dramas zu stehen. Seine Wandlungsfähigkeit gibt der Inszenierung ein wenig den Charakter eines Entwicklungsromans.

Später läuft in ähnlichem Zeitraffer wie bei der Gretchen-Episode das Familiendrama um Faust, Helena und ihren Sohn Euphorion ab. Aus Frachtkisten wird erst das Kernmobiliar der Familie geholt: Ein Bürostuhl für Papa Faust, ein Sofa für die müßige Mama Helena. Die letzte Kiste enthüllt das Söhnchen (Marco Massafra) samt Fußball, das Goethe dem Kleinen mit der Mahnung „mäßig, mäßig“ zuschiebt. Später springt der Junior übers Sofa, entdeckt weibliche Reize und folgt dem Lockruf des Militärs: Auf ins Abenteuer, nach Kundus vielleicht.

Im Kern verfolgt Günsiray ein psychologisierendes Konzept: Fausts Sinnsuche verläuft als Betrugsmanöver und spielt sich eigentlich in seinem Kopf ab. Damit verliert aber das Drama nicht nur seine metaphysische Ebene, es gewinnt auch keine Deutungskraft auf gesellschaftliche Vorgänge. Dass Lynkeus (anstelle der gestrichenen Philemon und Baucis) exekutiert wird wie bei einem Mafiamord, das wird zu einem Symbolbild. Die zerstörerische Macht von Kapital und Industrie, die am Beispiel der Landgewinnung darzustellen wäre, erscheint in Bochum als leere Täuschung. Dieses Theater entwickelt kaum kritische Schärfe. Dafür erlebt man berauschende Bilder und ein inspiriert aufspielendes Ensemble.

8., 16., 26., 30.12., 7., 21.1.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare