Magnum-Fotografin Eve Arnold in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen

Von Ralf Stiftel OBERHAUSEN - Gleich dreimal sehen wir Joan Crawford. Die „wirkliche“ Schauspielerin erscheint unscharf von hinten im Vordergrund. Eve Arnold fotografierte 1959 den Hollywood-Star in der Garderobe, über die Schulter hinweg, und zeigt uns gleich zwei Spiegelbilder. Das eine, im Hintergrund, ist das Abbild der großen Diva, eine perfekt geschminkte, elegante Erscheinung aus der Traumwelt des Kinos. Die Vergrößerung im Schminkspiegel aber verrät die Wahrheit. 51 Jahre alt war Crawford damals, kurz zuvor war ihr Mann gestorben. Das Leben hatte seine Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.

Heute könnten solche Starfotos nicht mehr entstehen, wie sie in der Ausstellung „Eve Arnold“ in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen von Sonntag an zu sehen sind. Längst kommen Fotografen den Schauspielern nicht mehr so nah. Längst führen Agenten und Medienberater Regie. Arnold aber hielt engen Kontakt mit ihren Modellen. Das schuf Vertrauen. In der Ausstellung sind auch die Kontaktabzüge einer Serie von Nahaufnahmen zu sehen. Joan Crawfords Auge beim Make-Up, ihr Mund. Da ist nichts zu kaschieren, jede Pore, jeder Hautfleck ist sichtbar, erst recht auf den großen Abzügen daneben. Unter einer Gesichtsmaske erscheint sie wie eine Mumie. Sie hat die Fotos freigegeben, ihre Auswahl auf dem Bogen markiert. In der Reportage für „Life“ im Oktober 1959 wurde sie dann beschrieben, die Körperpflege des „hard-working star“.

Eve Arnold (1912–2012) gehört zu den bedeutendsten Fotografen des 20. Jahrhunderts. Sie war die erste Frau bei Magnum, der wichtigsten internationalen Fotoagentur. Die Schau bietet mit 128 Aufnahmen aus der Zeit von 1950 bis 1980 einen Überblick über ein reiches Werk, das neben der Starfotografie Reisereportagen ebenso umspannt wie politische Arbeiten. Das Vertrauen ihrer Modelle hat sie sich verdient: mit Respekt und Einfühlung. Sie bekam dafür wunderbare Aufnahmen.

Die Tochter von aus Russland in die USA ausgewanderten Juden kam spät und als Autodidaktin zur Fotografie. Ihr Vater wünschte sich, dass sie Ärztin würde, und so studierte sie Medizin an der Abendschule, während sie tagsüber als Buchhalterin arbeitete. Bis sie eine Kamera geschenkt bekam. 1946 zog sie nach New York, 1948 belegte sie einen Kurs bei Alexey Brodovitch, dem Art Director des Magazins „Harper’s Bazaar“. Sie begann als Fotolaborantin zu arbeiten.

Sie suchte sich gleich ungewöhnliche Themen – und fiel auf. 1950 besuchte sie Modenschauen in Harlem, wo schwarze Models selbst geschneiderte Kleider trugen und sich absetzten von den vorherrschenden Schönheitsvorstellungen der weißen Mittelschicht. Sie zeigte auch nicht das Geschehen auf dem Laufsteg, sondern ging hinter die Kulissen. Auf einem Bild sieht man „Fabulous“ Charlotte Stribling mit nacktem Po. Sie scheint Arnold nicht bemerkt zu haben. Sie trat als diskrete Chronistin auf. So harmlos und positiv die Stimmung dieser Bilder ist, kein US-Blatt druckte sie, sondern die Picture Post in London.

Zuweilen sind ihre Themen autobiografisch inspiriert. 1959 nahm sie die Serie „Die ersten fünf Minuten im Leben eines Babies“ in einem New Yorker Hospital auf. Sie hatte zuvor eine Fehlgeburt erlitten. Ein Bild zeigt nur die Hände von Mutter und Kind und wurde nach dem Erscheinen im Life-Magazin so erfolgreich, dass es für Werbeanzeigen verwendet wurde.

Eine andere Serie war Malcolm X und den Black Muslims gewidmet. Im Porträt inszenierte der Islamist sich als cooler Intellektueller, und nur der Ring mit dem Stern in der Mondsichel artikuliert den politischen Herrschaftsanspruch der Aktivisten. Aber auf einer Parteiversammlung in Washington 1961 machte Arnold auch entlarvende Fotos. Eins zeigt nur Brust- und Bauchpartie dreier Männer: Ein US-Nazi mit Hakenkreuzarmbinde, zwei Schwarze. Damals hatten sich Nazis und Muslim-Aktivisten zu einer unheiligen Allianz zusammengeschlossen, sie planten, die USA unter sich aufzuteilen. Der Bericht war „Religion of Hate“ betitelt, Religion des Hasses.

Von 1969 bis 1971 bereiste Arnold Afghanistan, Ägypten und die Vereinigten Emirate. Sie porträtierte dort Frauen „Hinter dem Schleier“. Die drei Monate im damals friedlichen Afghanistan zählte sie später zu den glücklichsten ihres Lebens. Es entstanden prägnante Bilder zum Beispiel vom über und über mit Pullovern beladenen Straßenhändler. In Dubai zeigt sie eine verschleierte Frau, die stolz wie ein Filmstar posiert mit feinen Stoffen und erlesenem Schmuck.

1979 bereiste sie China, und auch dort kam sie den Einwohnern so nah, dass sie die Brüche in der kommunistischen Gesellschaft zeigen konnte. Wie eine Ikone wirkt das Porträt einer alten Frau, deren edles Gesicht uns aus einer dunklen Fläche entgegentritt. Ein Virtuosenstück ist die Aufnahme aus der Mongolei, wo sie aufspringende Reiter über stehenden Pferden ablichtete.

Dann wieder Stars. Clark Gable in seinem letzten Film, Anthony Quinn, Liz Taylor und Richard Burton. Und Marilyn Monroe, mit der sie sich angefreundet hatte, so dass sie die Schauspielerin zeigen konnte wie keiner ihrer Kollegen. Beim Herrichten auf der Flughafentoilette in Chicago zum Beispiel. Beim Nickerchen auf einer erschöpfenden Reise. Die Schauspielerin erscheint weder als unnahbare Diva noch als naives Blondchen. Dabei macht Eve Arnold sie menschlich, ohne ihr die Würde zu nehmen. Sie lichtet eine Professionelle ab, die souverän beim Aussteigen aus dem Flugzeug für die Fotografen posiert. Auf einem Foto liest die Monroe, schwere Kost: James Joyces Roman „Ulysses“.

Eve Arnold

in der Ludwiggalerie Schloss Oberhausen.

25.5.–7.9.,

di – so 11 – 18 Uhr

Tel. 0208 / 412 49 28,

www.ludwiggalerie.de

Begleitheft 4 Euro

Quelle: wa.de

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