Magnum-Fotograf Richard Kalvar in Iserlohn

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Auf den Blick kommt‘s an: Richard Kalvars Straßenszene aus New York (1970), zu sehen in Iserlohn. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ISERLOHN–Der erste Gedanke vor diesem Foto ist: Ein Riese liegt in der Stadt. So überlebensgroß ragt das barfüßige Bein in die Straßenszene aus New York, damals, 1970, als die Hippie-Ära gerade ausklang. Unbeeindruckt leckt eine Frau an ihrem Eis, und ein Mann sitzt auf einer Treppe und spielt Gitarre. Der Fotograf Richard Kalvar hat hier gezaubert mit einem virtuosen Blick für Perspektive.

Kalvar, geboren 1944 in Brooklyn, ist seit 1977 Mitglied der Fotoagentur Magnum, deren Präsident er zeitweise war. Und doch gehört er zu den weniger berühmten Magnum-Künstlern. Zu Unrecht, wie eine Ausstellung in der Städtischen Galerie in Iserlohn beweist. Die Schau mit rund 80 Aufnahmen, die erste in Deutschland, zeigt Kalvar als einen Meister der Straßenfotografie, des richtigen Moments. „Earthlings“ hat er sie getitelt, Erdlinge, und sein Staunen hat wahrlich außerirdisches Format. Seine Bilder erzählen feine Miniaturgeschichten.

Er versteht es, den Blick des Betrachters irre zu machen. Natürlich lächelt das Flugzeug, das 1996 in Roissy, Frankreich, aufnahm, nicht wirklich. Aber die aufgeklappte Schnauze des Jumbos öffnet genau den Spalt, den wir als Haifischgrinsen wahrnehmen. Dem Monument vor den Hochhausfassaden im regennassen New York sieht man erst nach einem Schreckmoment an, dass da ein einfacher Handschuh liegt, vor dem der Fotograf sich in die Pfütze geworfen hat, um ihn so monumental aufzunehmen.

Kalvars Sinn für komische Situationen ist untrüglich. Das kann ein großer Hund sein, der an ein Haus gelehnt sitzt und unglaublich menschlich aussieht. Das können die beiden schnauzbärtigen Belgier sein, die sich im Karneval als Blumen verkleidet haben. Und das Bild aus dem französischen Schlachthof erst: Ein großer, kahlköpfiger Weißkittel hat seinem Kollegen einen Arm um die Schulter gelegt, die linke Hand greift an seinen Hals. So zärtlich mag er ein fettes Kalb streicheln. Der Umarmte ahnt offensichtlich etwas, so misstrauisch blickt er in die Kamera. Ein Bild, ein Krimi à la Hitchcock, von überaus makabrer Komik.

Dabei hat Kalvar gar nicht Fotograf werden wollen, sondern Architekt. Er studierte Literatur, arbeitete als Schauspieler und als Assistent eines Modefotografen. Erst nach einer Europareise 1966 beschloss er, hauptberuflicher Fotograf zu werden. Er hat auch in Farbe gearbeitet, diese Seite seines Schaffens aber blendet die Iserlohner Ausstellung aus. Die unsystematische Hängung, die weder nach Orten noch nach einer Chronologie erfolgte, ist vom Künstler gewollt. Jedes Bild steht für sich.

Er kann auch ernst sein, wie im melancholischen Strandbild aus Biarritz mit zwei verkleideten Kindern vor der Brandung. Der kleine Teufel steht sehr traurig da. Obwohl er so viele Menschen in unvorteilhafter Lage erwischt, ist er nur selten indiskret, voyeuristisch. Vielleicht bei dem Schläfer auf der New Yorker Parkbank, dem das Hemd hochgerutscht ist und der seine Hand in der Hose stecken hat, so dass man auf den entblößten Bauch blickt.

Man verzeiht das am Ende. Einer wie Kalvar, der muss doch die Menschen gerade wegen ihrer Unzulänglichkeiten mögen. Wie sonst hätte ihm die brillante Antithese zu Robert Doisneaus berühmtem Pariser Kuss gelingen können. Bei Kalvar sehen wir ein nicht mehr ganz junges Paar in New York, an einer belebten, regenfeuchten Straßenecke neigt er den Kopf, spitzt sie ihm die Lippen entgegen. Den Vollzug wollen wir gar nicht sehen.

Bis 6. Juni, mi – fr 15 – 19, sa 11 - 15, so 11 - 17 Uhr,

Tel. 02371/ 217 1970,

http://www.iserlohn.de/staedtische-galerie.1611.0.html

Katalog 49 Euro

Quelle: wa.de

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