Magischer Realismus aus den Niederlanden auf Haus Opherdicke

Provozierend und geisterhaft: Die drei Prostituierten in Pyke Kochs Gemälde „Vrouwen in de straat“ (Frauen auf der Straße, 1962–1964), zu sehen in Opherdicke. Fotos: Museum/Pluim/cox

Holzwickede – Kalkbleich geschminkt stehen die drei nicht mehr ganz jungen Frauen vor einer Mauer. Die Damen haben ihre Falten dick überschminkt. Aber die nicht nur von Lidschatten verdunkelten Augen, die Zahnlücke, die Kerben im Gesicht der rechten lassen auf Leben schließen, das kein leichtes war. Auch der Putz ist gezeichnet: Risse, Graffiti, Bohrlöcher. Keine gute Gegend, aber eben Arbeitsfeld für Prostituierte.

Pyke Koch stellt die „Vrouwen in de straat“ (1962-64) in seinem Gemälde dem Betrachter provozierend selbstbewusst gegenüber. Der niederländische Maler (1901–1991) verdankte seinen Rufnamen der Pykestraat, wo das Rotlichtviertel von Nijmegen lag. Seine Bilder sind aufgeladen mit mehr oder weniger unterschwelliger Erotik. Die drei Huren erscheinen in seinem Bild geisterhaft, wie urbane Hexen.

Dieses und zwei weitere Werke von ihm sind von Sonntag an in der Ausstellung „Wundersam wirklich“ auf Haus Opherdicke in Holzwickede zu sehen. Die Schau verdankt der Kreis Unna einer glücklichen Fügung: Das Museum in Arnhem wird derzeit restauriert und kann seine Sammlung nicht zeigen. Die Kuratoren Sally Müller und Arne Reimann griffen zu und liehen 54 Werke von zehn Künstlern aus, die Highlights des niederländischen Instituts.

Arnhem war Sitz einer Künstlergruppe um Koch, Raoul Hynckes, Carel Willink und anderen, die zwischen den Weltkriegen die Neue Sachlichkeit in der niederländischen Kunst vertraten. Diese kühle, realistische Malerei trat aber in Holland unter der Bezeichnung „Magischer Realismus“ oder „Neo-Realismus“ auf. Das verbindet sie wiederum mit den Künstlern in Italien, wo ab den 1920er Jahren ebenfalls Künstler einen Magischen Realismus als Stilideal verfolgten, oft melancholische, düstere Bilder.

Einer der frühen Vertreter der Bewegung in den Niederlanden war Dick Ket (1902–1940), der wegen seiner chronischen Erkrankungen zurückgezogen lebte, aber in seinen nur 37 Lebensjahren ein erstaunliches Werk schuf, das von Kollegen bewundert wurde. In Deutschland sind diese Künstler allenfalls Fachleuten ein Begriff. Was sich nach der sehenswerten Präsentation in Opherdicke vielleicht ändert.

Ket ist sozusagen Kristallisationspunkt der Schau mit 19 Werken in zwei Räumen. Er malte vor allem intensive Stillleben, die Detailrealismus mit einer seltsam verzerrten Perspektive verbinden. Im „Stillleben mit Trauben“ (1934) scheint die Tischplatte vor dem Betrachter abzustürzen. Aber die Schatten, die Flecken auf dem Tischtuch, das durchscheinende Glas einer leeren Flasche, die Lichtreflexe in einer Keramikschale sind mit großer Präzision geschildert. Ket (wie auch seine Kollegen) waren fixiert auf das eigene Bild. Zehn Selbstporträts sind ausgestellt, in denen Ket sich oft im Halbprofil, mit Barrett und Pinsel darstellt. Ein Dandy, der sich (zum Beispiel im Gemälde von 1933) mit Attributen des Phantastischen umgibt: Ein Marionettenpferd, Flaschen und im Hintergrund ein Plakat aus dem Weltkrieg. Zugleich gab er seine wegen der Krankheit geschwollenen Finger getreulich wieder.

Einer der Bewunderer Kets war Johan Mekkink. Er war auch im Kunstbetrieb Arnhems aktiv, arbeitete nach dem Krieg für das Museum. Er setzte sich dafür ein, dass die Arbeiten von Ket und anderen Neo-Realisten in die Sammlung kamen. Auch von ihm sind eindringliche Stillleben und Porträts ausgestellt, wie das Bildnis der hageren, ernst blickenden Evangelistin Fräulein Coos Bekkenkamp (1944).

Carel Willink (1900–1983) hatte in Berlin studiert, verarbeitete in seinem Werk aber auch Einflüsse von Fernand Léger und Giorgio de Chirico. In einem Selbstporträt stellt er sich 1941 vor einem menschenleeren Platz mit klassizistischen Gebäuden dar, am Himmel ziehen düstere Wolken auf. Die Wettersymbolik findet man auch in anderen Bildern von ihm. Geradezu surreal ist „Das gelbe Haus“ (1934), der titelgebende Bau steht an einer leeren, von Gewitterwolken verschatteten Straße. In den Fenstern erkennt man Bäume, Spiegelungen, aber die eigentlichen Pflanzen sind nicht sichtbar, so dass es erscheint, als bewohnten sie das Haus.

Hinreißende Malerei ist in Opherdicke zu erleben. Charley Toroop, Tochter des bekannten Symbolisten Jan Toroop, malt ihren kleinen Sohn wie ein Alien (1913). Außerdem sind von ihr farbstarke Stillleben ausgestellt. Ein wunderlicher Kontrast dazu sind die kleinformatigen, feinen Bilder von Jan Mankes, zum Beispiel sein Selbstporträt mit Eule (1911), das die Blicke von Vogel und Mensch auf rätselhafte Weise parallel stellt.

Bei den Ausstellungen in Opherdicke werden den historischen Werken oft Positionen der Gegenwartskunst gegenübergestellt. Diesmal ist das besonders geglückt: Die Fotografin Louise te Poele (geboren 1984) lebt in Arnhem. Ihre fotografischen Porträts und Stillleben überarbeitet sie am Computer. Bei Bildern von Menschen entfernt sie die Hintergründe, was die Bauern überaus präsent hervortreten lässt. Für ihre Stillleben errichtet sie opulente Installationen, die die Materialversessenheit und die Symbollust der Malerei des Goldenen Zeitalters übernimmt. Da glitzert die angeschnittene Zitrone saftig, aus einem Glasrohr strömt eine Flüssigkeit, eingefroren im Moment, und Vögel bevölkern diese Szenerien. Es sind Präparate, ausgeliehen von einem Freund, die sie in Szene setzt, als sei der Eichelhäher gerade auf Beutesuche auf den Tisch herabgestoßen (Eichelhäher, 2015). Damit sie bricht diese historischen Reminiszenzen ebenso wie mit dem Einsatz anachronistischer Objekte wie einer Handtasche oder einem Mobiltelefon. Diese Bildkreationen wollen gelesen werden wie die Gemälde eines de Heem, Claesz oder Kalf.

Eröffnung Sonntag, 11.30 Uhr, Bis 16.2.2020, di – so 10.30 – 17.30 Uhr,

Tel. 02301 / 918 39 72, www.kreis-unna.de/haus-opherdicke

Katalog 25 Euro

Quelle: wa.de

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