Das Märkische Museum Witten widmet Gustav Deppe eine Schau zum 100.

Zwischen Abstraktion und Gegenstand: Gustav Deppes Bild „Hochöfen“ (1956), zu sehen in Witten. - Fotos: Museum

Von Ralf Stiftel WITTEN - Man kann Gustav Deppes Bild „Hochöfen“ von 1956 so oder so anschauen. Natürlich umreißt das feine Geflecht weißer Linien auf dem gelbschwarzen Grund so etwas wie eine Industriearchitektur. Der linke Turm ist durch rote und gelbe Schraffuren noch hervorgehoben. Hier ahnt man das Spiel des glühenden Erzes, dem das Eisen ausgebrannt wird. Aber zugleich zitiert Deppe zwar die Formen der Gebäude und Maschinen, doch ohne sie naturalistisch zu schildern. Je länger man hinschaut, desto mehr löst sich der Eindruck auf, einen benennbaren, bestimmten Ort zu sehen. Das Bild wandelt sich zu einer Komposition aus Bögen, Kreisen, Mehrecken.

Was also malte Gustav Deppe (1913-1999), der vor wenigen Tagen 100 Jahre alt geworden wäre? Bilder, die sich nicht festlegen lassen, die die Schwebe halten zwischen Abstraktion und Figuration. Das gibt dem Künstler eine eigenständige Rolle unter seinen Weggefährten von der Gruppe „junger westen“. Und das ist das Thema der Ausstellung, die das Märkische Museum seiner Heimatstadt Witten Deppe zum 100. widmet. Museumsleiter Dirk Steimann wollte nicht einfach noch eine Retrospektive ausrichten, sondern der Schau einen roten Faden geben. Deshalb sind nicht nur Arbeiten Deppes ausgestellt, sondern auch solche seiner Kollegen vom „jungen westen“. Das Ruhrgebiet war damals ein Kunstzentrum, mit prominenten Künstlern wie Emil Schumacher, Heinrich Siepmann, Thomas Grochowiak, Hans Werdehausen, denen sich Maler wie Hann Trier und Georg Meistermann verbunden fühlten. Diese Künstler repräsentieren heute als moderne Klassiker die Nachkriegsabstraktion.

Deppe wird in den Kontext gestellt. Und so findet der Besucher mit rund 100 Werken einen Querschnitt durch die Kunst des Ruhrgebiets zwischen Kriegsende und den 1960er Jahren. Man kann eine erstaunlich vielfältige Malerei entdecken. Die Säle sind oft auf einen gewissen Grundton gestimmt, obwohl meistens Werke verschiedener Künstler zu sehen sind. Der erste Saal swingt geradezu. Georg Meistermann lässt in „Bewegtes Ziel“ (1950) organische Formen über die Leinwand tanzen. Hann Trier antwortet darauf mit „Bongo II“ (1954) und bringt ebenfalls die gemalten Formen in Bewegung, obwohl seine Pinselführung mit den zeichnerischen, vibrierenden Linien ganz anders ist. Thomas Grochowiak hat seinen Figurationen im „Scherzo Grazioso“ (1948) eine elegante Choreografie verpasst. Bei Heinrich Siepmanns Gouache „Verglühendes Rot“ (1957) ist der Grund eher ruhig, die Geschwindigkeit bringt eine darüber gelegte Schraffur. Zwei Räume weiter findet der Besucher ruhige, lyrische Bilder, deren Oberfläche gleichmäßig in sehr feine Elemente gegliedert ist. Hann Triers „Schwanken III“ (1958) wirkt dabei sehr eng verwandt mit Bildern Deppes wie „E-Feld“ (1961). Beide haben eine gedeckte, eher dunkle Farbgebung. Aber man erkennt doch, dass die Wabenstruktur Triers sich von den kristallinen Momenten Deppes unterscheidet, der letztlich wieder einen Wald aus Strommasten zeigt. Seltsam, zugleich wunderbar mehrdeutig bleibt Deppes „Hochwald“ (1963/64), in dem das Auge auch ständig hin- und herirrt zwischen der Wahrnehmung eines Nadelwalds, auf dessen Zweigen vielleicht Schnee liegt, und der eines frei gestalteten Musters, das in der unteren Bildhälfte feiner ist als in der oberen.

Die Schau präsentiert vor allem Leihgaben aus der Region, darunter viele Bilder aus Privatbesitz, die noch nie oder jedenfalls lange nicht ausgestellt wurden. Und ebenso, wie man merkt, dass die hier vertretenen Künstler untereinander in Beziehung standen, erkennt man zunehmend die besondere Rolle, die Deppe spielte. Wie seine Kollegen probierte er viele Malweisen und Gestaltungsvarianten aus. Er versucht sich an organisch-amorphen Formen („Großer Lotos“, 1953) ebenso wie an geometrisch-klaren Konstruktionen („Hochspannung“, 1950). Seine Versionen zum Thema „Förderkopfturm“ (1958) lösen den Gegenstand nahezu auf in Pinselgesten. Aber seine Bilder bleiben doch immer zwischen den künstlerischen Polen, die nach dem Krieg ideologisch aufgeladen wurden. Da gab es diejenigen, die die Abstraktion als die Kunst der Freiheit ansahen und die Gegenständlichkeit mit dem sozialistischen Realismus identifizierten. Anderen galt das Informel als ästhetische, inhaltsleere Spielerei. Deppes Suche nach einer Synthese führte zu Bildern, die dem Auge Halt gaben, ohne auf formale Freiheit zu verzichten.

Gustav Deppe – Aufbruch zwischen Abstraktion und Figuration im Märkischen Museum Witten. Bis 17.11., mi – fr 12 – 18, do bis 20 Uhr,

Tel. 02302/ 581 2550, www. maerkisches-museum-witten.de

Katalog, Verlag Peter Pomp, Bottrop, 25 Euro

Quelle: wa.de

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