Mächtige Wogen: „Tristan und Isolde“ in Dortmund

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Gary Lehman als Tristan und Violeta Urmana als Isolde in Dortmund mit dem Video von Bill Viola.

DORTMUND – Das Meer lockt, von Anbeginn an. Brandung, eine weite, schillernde Fläche mit sanften Wogen, am Horizont locken Schiffsleuchten. Mit Wasser und Feuer illustriert der Videokünstler Bill Viola Wagners „Tristan und Isolde“: Als der Trank getrunken ist, stürzen auf der Videoleinwand zwei umschlungene Leiber wie ein ferner Stern in einen Ozean. Von Edda Breski

Mit der halbszenischen Inszenierung von Peter Sellars mit Videoarbeiten von Bill Viola beendet Esa-Pekka Salonen seinen Einstand, die „Zeitinsel“, die ihm und seinem London Philharmonia Orchestra diese Woche im Konzerthaus Dortmund gewidmet war. Die Inszenierung war in Dortmund erstmals in Deutschland zu sehen. 2005 debütierte sie unter der Intendanz von Gerard Mortier an der Opéra de la Bastille in Paris – ebenfalls unter Salonen. Schon 2004 wurden in Los Angeles die Akte getrennt aufgeführt, gekoppelt mit modernen Werken. In Dortmund wird jeder Akt mit Ovationen gefeiert.

Bill Viola übersetzt die Wagnersche Dualität von Nacht und Tag in die Symbole Wasser und Feuer, um sie durch Spiegelungen und Überblendungen aufzulösen. Im ersten Akt zeigt er plastisch-brillante Bilder zweier Menschen, die sich Reinigungsritualen unterwerfen. Das Zueinanderfinden des zweiten Aktes illustriert er mit einem Kiefernwald, durch dessen fahles Unterholz die Liebenden irren, mit Feuer, das zu durchschreiten ist, mit Brandung, in der sie untertauchen. Tristan und Isolde werden als Menschen, earthly bodies, von Schauspielern dargestellt, als transzendierte Gestalten, heavenly bodies, übernehmen zwei Cirque-du-Soleil-Artisten die Rollen. Als die Liebenden den Tod, das letzte Mysterium, wählen, verschwimmen die Bilder; Schwarz wird Grau, Weiß wird Grell. Solides wird fließend.

Peter Sellars hat das Bühnengeschehen eingerichtet. In das Dortmunder Konzerthaus passt die Inszenierung wunderbar: Die hervorragende Akustik wird buchstäblich von allen Seiten getestet: Die Fanfaren zu König Markes Ankunft dringen aus dem hinteren Flur in den Zuschauerraum. Brangäne hält ihre Wacht auf dem zweiten Rang, ihre Warnrufe schweben von oben über das Paar auf der schmalen Bühne vor dem Philharmonia Orchestra hinweg. Es sitzt auf dem einzigen Requisit, einem schwarzen Kasten, ohne sich ansehen zu dürfen.

Sellars/Viola setzen auf plakative Bilder, die eine Art mythologischen Synkretismus illustieren: mit Anspielungen auf östliche Philosophien – das Einswerden im Licht – und auf die Bibel. Das wird sehr therapeutisch, wenn Viola im dritten Akt auf das innere Kind in Tristan anspielt: mit einem Jungen, der ein brennendes Streichholz betrachtet. Derweil windet sich der Tristan-Darsteller auf der Bühne in Fieberqualen.

Dem Synkretismus Sellars‘/Violas entspricht Salonen mit wohlkalkulierter Wucht und schwelgerischen Tönen. Er dirigiert einen flüssigen Tristan, mit feurigen Ausbrüchen. Vor allem im ersten Akt deckt er mit Breitwandsound die Sänger zu. Wie er zu Beginn der Liebeszene grelle Harmonien bloßlegt und dann, zu Beginn des Duetts „O sink hernieder“, traumwandlerisch in die Nachtmusik hineingleitet, ist zwingend. Andernorts kollidieren Phrasen und Harmonien, legt Salonen Reibungen quasi mit dem Hobel frei. Da darf ein Bläsereinsatz grell, eine Streicherpassage rau sein. Unter Salonen hat die Partitur ein kalkuliertes Chaosmoment.

Violeta Urmana ist eine vitale, kraftvolle Isolde. Sie legt Energie in die Ausbrüche, klingt dabei nie schneidend, hat noch für die „Verklärung“ Reserven. An ihrer Seite ist Gary Lehman ein routinierter Tristan, der zum Ende des zweiten Aktes Schwächen hat, den dritten aber beachtlich gestaltet. Anne Sofie von Otter ist eine stilsichere Brangäne, die die Loyalität zu Isolde, aber auch die eigene Machtlosigkeit spürbar werden lässt. Als Kurwenal ist der robuste Jukka Rasilainen zu erleben; Matthew Best ist ein edler König Marke mit großer Stimme. Auch die kleineren Rollen sind gut besetzt: Stephen Gadd als Melot, Joshua Ellicott als lyrischer Seemann/Hirte. Der Sinfonische Chor der Chorakademie am Konzerthaus Dortmund bietet im ersten Akt Wucht und Präzision.

Quelle: wa.de

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