Uwe Lyko alias Herbert Knebel: „Kulturhauptstadt“

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Uwe Lyko alias Herbert Knebel. ▪

LÜNEN ▪ Für viele ist Herbert Knebel der Ruhrpott-Oppa schlechthin. Wer kennt schon bessere Geschichten ausse Siedlung?! Uwe Lyko (55) hat diese Figur entwickelt und spielt seit über 15 Jahren mit dem „Affentheater“ vor ausverkauften Häusern. Vor einem Auftritt in Lünen sprach er mit Achim Lettmann über die Kulturhauptstadt, über Knebel und Smoky und über die Ruhrpott-Szene.

Kommt die Kulturhauptstadt in Ihrem Programm vor?

Uwe Lyko: Nee, überhaupt nicht.

Herbert Knebel ist eine Figur, die auf Veränderungen im Alltag reagiert. Ist im Ruhrgebiet noch nichts von 2010 zu spüren?

Lyko: Nee, wenn man nicht weiß, dass Essen Kulturhauptstadt ist, und man läuft durch Essen, dann kriegt man davon nichts mit. Bis auf die Tatsache, dass das Folkwang Museum eröffnet hat, das bekommt man schon mit. Man muss sich schon gut informieren, wo spezielle Veranstaltungen stattfinden. Und die richtig großen Highlights, die kommen ja erst im Sommer.

Bevor das „U“ in Dortmund eingeweiht wird, treten Sie im Spiegelzelt neben anderen Komödianten auf. Ist das ein normaler Programmpunkt für Sie oder geht Ihnen das Motto zu 2010 „Wir im Revier“ unter die Haut?

Lyko: Nee, das ist ein Auftritt von vielen.

Die Kulturhauptstadt wird als Höhepunkt des Strukturwandels verkauft. Ziehen Sie auch eine positive Bilanz?

Lyko: Wenn Kultur die Möglichkeit hat, sich im Rahmen dieser Kulturhauptstadt 2010 zu präsentieren, ist das immer gut.

Der Veränderungen im Revier sind greifbar. Es zeigt sich an demografischen Zahlen und an der Arbeitslosen-Statistik. Wie empfinden Sie diesen Strukturwandel?

Lyko: Einerseits positiv, weil sich im Ruhrgebiet einiges zum Positiven verändert hat. Die Luft ist besser geworden, es gibt mehr Grün, mehr Naherholung. Andererseits findet eine Entwicklung statt, die nicht sehr förderlich ist. Ein Beispiel. In Essen gibt es den Limbecker Platz, wo jetzt schon die Entwicklung abzusehen ist, wie in Oberhausen mit dem Centro. Das neue Einkaufsareal wird zum Aussterben der Innenstadt führen. Und eine belebte Innenstadt ist immer gut für die Kultur. Es wird unglaublich viel versäumt, Städte attraktiv zu machen, um Kultur stattfinden zu lassen. Die Stadt Essen hat massive Geldprobleme, wie viele andere Städte im Revier. Aber die beteiligen sich noch finanziell an so einem Limbecker Platz und vergessen dabei, die Innenstädte zu stärken. Die kleine Kultur, die kleinen Theater zu fördern, das wird immer vergessen. Man setzt auf Großprojekte und lässt die Innenstädte veröden. Obwohl Essen auch eine Universitätsstadt ist, wollen viele Leute nicht in Essen wohnen, weil hier nichts los ist. Verglichen mit Düsseldorf und Köln.

Stichwort Köln. Sie spielen bei den „Mitternachtsspitzen“ den Kettenraucher Helmut Schmidt. Verbindet Sie was mit dem SPD-Politiker?

Lyko: Mit dem verbindet mich eigentlich gar nichts. Diese Rubrik Loki und Smoky ist genauso wie der Knebel durch Zufall entstanden. Ich habe ein Faible, Leute zu parodieren und nachzumachen. Und als ich mit Jürgen Becker und Wilfried Schmickler unterwegs war, habe ich irgendwann in der Garderobe den Schmidt nachgemacht. Und der Becker fand das ganz witzig und sagte, lass‘ uns da doch eine Rubrik raus machen, der Altkanzler mit seiner Gattin. So ist Loki und Smoky entstanden. Eine Jux-Idee. Ich halte Helmut Schmidt für einen guten Rhetoriker und sehr klugen Mann.

Smoky ist eine ganz andere Figur als Knebel.

Lyko: Natürlich sind die Figuren sehr anders. Klar. Aber ich habe mich immer als Schauspieler gesehen. Ich habe auch früher Theater gemacht. Nicht an städtischen Bühnen, aber so in der Off-Szene. Wenn man eine schauspielerische und komödiantische Begabung hat, dann ist das kein Problem. Dann kann man so was.

Gehen Sie an die Geschichten, die Knebel erzählt, mit dem gleichen Elan ran wie vor 15 Jahren?

Lyko: Der Knebel war immer jemand, bei dem ich die Entwicklung offen gelassen habe. Er hat einen festgelegten Charakter. Er bedient sich aber auch immer wieder neuer Themen. Zum Beispiel in meinem aktuellen Soloprogramm ist eine Nummer drin, wie der Knebel sich einen Computer zulegt und über Google „Blasenprobleme“ auf einer Sex-Seite landet. Das hätte ich vor 15 Jahren nicht erzählen können.

Die Figur Knebel gehört zum Arbeitermilieu, zum Ruhrgebiet von gestern. Erhalten Sie uns auch ein Bild vom alten Revier?

Lyko: Da habe ich mir nie Gedanken zu gemacht. Es war auch nie der künstlerische Auftrag, also Ruhrgebiet, also Heimat zu dokumentieren. Ich habe mir damals eine Kunstfigur gesucht, mit der ich meine Ideen und Geschichten, die ich mit zwei Koautoren habe, vermitteln kann. Und dann krieg ich immer die Frage gestellt, ob der Knebel authentisch ist? Das ist mir sowas von dermaßen egal. Der kann auch antiquiert sein bis zum geht nicht mehr. Solche Leute gibt es immer noch im Ruhrgebiet, eine solche Spezies, die stirbt nicht aus.

Seit 1993/94 treten Sie vor ausverkauften Häusern auf. In den letzten Jahren boomen die Ruhrpott-Komödianten.

Lyko: Ja, den Boom gibt es ja schon die letzten zehn, fünfzehn Jahre. Eine neue Entwicklung ist, dass es immer neue Superstars gibt. Der erste war Helge Schneider, dann kam Rüdiger Hoffmann, dann Mittermeier, dann Kaya Yanar, dann kam Atze Schröder und jetzt ist der neue Über-Superstar Mario Barth. Und die versuchen sich noch immer gegenseitig zu toppen, in dem sie in die größten Hallen gehen. Ein kleiner Wettbewerb. Ich finde das affig und albern. Wir spielen alle Rock ‘n‘ Roll-Star. Ich glaube, dass die Entwicklung der Szene nicht gut tut. Dass neue Leute kommen und sich ausprobieren, halte ich für legitim. Es ist dann wie in anderen Kunstrichtung auch, es gibt gute und schlechte.

TV-Termin

Am 22. Mai ist die „Lange Herbert Knebel Nacht“ im WDR-Fernsehen. Ab 22.45 Uhr werden Aufzeichnungen diverser Programme vom „Affentheater“ und Herbert Knebel gezeigt, die zum Teil auf Tonträgern nicht mehr erhältlich sind.

Quelle: wa.de

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