Lutz Seilers großartiger Nachwende-Roman „Stern 111“

Lutz Seilerdeutscher SchriftstellerFoto: dpa

Ein Fiebertraum bringt Carl Bischoff in die Assel. Im Winter 1989 hat er den Shiguli seines Vaters mit dem Nötigsten bepackt und ist nach Berlin gefahren. Die Mauer ist gefallen. Und in den Ruinen der DDR richten sich die Aussteiger und Außenseiter ein, die „Aguerilla“, die sich um Hoffi, den Hirten, geschart hat.

Lutz Seiler, geboren 1963 in Gera, hat bereits mit seinem 2014 erschienenen Romanerstling „Kruso“ abgeräumt: Das Buch erhielt den Deutschen Buchpreis, wurde in 22 Sprachen übersetzt, es gab Bühnenfassungen und eine Verfilmung. Mit seinem zweiten Roman „Stern 111“ legt er jetzt nach.

Wieder führt der Autor in eine historische Kippsituation. In „Kruso“ erzählte er von den letzten Tagen der DDR in der Gaststätte „Zum Klausner“ auf Hiddensee, einem seltsamen Ort der Freiheit im real existierenden Sozialismus. Jetzt geht er ins Ost-Berlin der Nachwendezeit. Die „Assel“ gibt es heute noch, als gepflegtes Traditionslokal. Aber 1989, 1990 waren die Altbauten am Prenzlauer Berg verlassen von denen, die in den Westen rübergemacht hatten. Hier bildete sich ein anarchisches Soziotop aus Hausbesetzern, Künstlern, Freiheitssuchern. Seiler hat eine Hand, solche Gruppen zu beschreiben und vor allem charismatische Figuren in ihr Zentrum zu rücken. Hoffi, der Hirte, zuweilen auch Hoffi-der-Hirte, hält mit seiner Ziege Dodo, die heilende Milch spendet, und seinem klobigen Funktelefon jenes Rudel zusammen, das sich passende Wohnungen sucht, aufbricht, bereitstellt.

Hierher verschlägt es Carl, dem Seiler viele Züge der eigenen Biografie mitgab. Er ist nicht nur die Nachhut seiner Eltern, die gleich nach dem Mauerfall in den Westen gingen, mit Regencapes, Rucksäcken und Vaters Akkordeon. Er ist nicht nur der zweifelnde und erfolglose junge Lyriker, der versucht, genug Gedichte für einen ersten Band zusammenzubekommen. Er ist auch ein Maurer, mit einem Werkzeugkasten im Kofferraum des Shiguli. Genau das, was Hoffi-der-Hirte braucht im Rudel. Ein Arbeiter.

Die besondere Kunst Seilers liegt darin, wie er einem historisch präzise bestimmbaren Ort eine magische Aura verleiht. Wenn Carl im Keller Wände verputzt und noch Tage später eins der namengebenden Kerbtiere mit einem Panzer aus Zement durch den Keller krabbelt. Wenn es da ein Depot aus ausschließlich linken Stiefeln gibt, von denen einer am Ende zu einem ungewöhnlichen Einsatz kommt. Da gibt es einen Wald und Katakomben. Seltsame Gestalten bewegen sich durch diese Welt wie eine blumenliebende ältere Dame namens Charlotte Knospe, ein Kauz mit Kampfstab und Henry-der-gute-Maler. Und irgendwann fliegt erst die Ziege, später auch noch Hoffi-der-Hirte, was nicht ganz so glücklich ausgeht. Und auch die Protagonisten aus Kruso, der „Comandante Krusowitsch“ und der Aussteiger Edgar Bendler, treten auf. Freilich ist Krusos Rolle diesmal weit weniger positiv-väterlich als im ersten Roman. Hier ist er ein auf Krawall gebürsteter Militarist im Häuserkampf.

Seiler denkt wie ein Dichter und poetisiert die Welt. Das heißt, er spielt mit Sprachsphären. Carl hat gedient als Volkssoldat, zerlegt eine Kalaschnikow und setzt sie wieder zusammen in 25 Sekunden, was ein Beitrag zur deutsch-russischen Freundschaft wird. Auch die anderen denken beim Häuserkampf oft in militärischen Begriffen. Da wird die Assel zum Unterstand, zum U-Boot, auf dem Hoffi als Alt-Kapitän, ja Admiral amtiert. So lädt der Autor seinen Text mit latenter Aggression auf, zeigt eine archaische Männerwelt. Aber Seiler verfügt noch über ganz andere Wortschätze. Wie wenige andere gewinnt er dem Geringen Wohlklang und Schönheit ab. Da heißt es: „Im Augenwinkel bemerkte er ein großes graues Geschiebe, eine sanfte Welle uralten Staubs, die träge über den Boden waberte, ein flusiges Geflecht aus Spinnweben, Dreck und Haar...“ An anderer Stelle: „Er fuhr mit der Hand über die kalten Dielen: Schafskäsekrümel mit Staubflusen bekleidet, wie winzige Tänzerinnen.“ Auch eine nächtliche Autofahrt macht er zum Spracherlebnis: „… das Summen und Brummen unter den Schädeldecken der Pflastersteine, so lange, bis ihm warm war. Dazu das stumpfe Meeresrauschen des Gebläses, der Wind und die Wärme auf den Wangen. Der Shiguli lief wie auf Schienen, die er sich weise vorausschauend selbst auslegte...“

Das alles könnte gut einen Roman füllen. Aber Seiler gibt noch die wunderbar wilde, melancholische Liebesgeschichte mit Ilonka, genant Effi, dazu, die Carl schon als Knabe anhimmelte und die er in Berlin bei einer Kunstperformance wiedertrifft. Und auch der Aufbruch der Eltern findet seine Erklärung in einem weiteren Handlungsbogen, den Seiler klug einfügt. Nicht nur da spielt er mit dem Stern-Motiv. „Stern 111“ war ein verbreitetes Transistorradio in der DDR, dem Carl früheste Musikerlebnisse verdankt. Aber die Sterne begegnen dem Leser an den ungewöhnlichsten Orten, sei es, dass eine Bäckersfrau zum Westgeld sagt: „Dat kommt vom andern Stern“. Sei es auf dem Walk of Fame in Hollywood.

Ein großartiges Buch, das bereits den Buchpreis der leider ausgefallenen Leipziger Buchmesse gewonnen hat. Und es hat gute Chancen auf weitere Auszeichnungen.

Lutz Seiler: Stern 111. Suhrkamp Verlag, Berlin. 528 S., 24 Euro

Quelle: wa.de

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