Lutz Hübners „Frau Müller muss weg“ in Dortmund

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Entschlossene Mütter: Szene aus „Frau Müller muss weg“ in Dortmund mit Bianka Lammert, Désirée von Delft und Johanna Weißert (von links)

Von Ralf Stiftel DORTMUND - Lukas haut seine Mitschüler und schießt Papierkügelchen auf die Lehrerin. Ist er nun ein „bayrischer Hooligan“ oder ein unterforderter Hochbegabter? Keine Frage, was Patrick und Marina Jeskow von ihrem Sohn halten. Dass ihr Sohn in der vierten Klasse so schwach dasteht, muss an der Lehrerin liegen. Darum fordern sie: „Frau Müller muss weg“.

Gerade ist Sönke Wortmanns Verfilmung in die Kinos gekommen. Aber man kann das Stück von Lutz Hübner auch am Kinder- und Jugendtheater in Dortmund sehen, in der Form, in der es gedacht ist: als gegenwartsnahes Zeitstück. An der Sckellstraße sitzen die Zuschauer um das Klassenzimmer herum, ganz nah bei den drei Müttern und zwei Vätern, die am Elternabend der ungeliebten Pädagogin den Abschied verkünden wollen. Frau Müller ist untragbar, darin sind sich alle einig, vielleicht bis auf Katja Grabowski, die alleinerziehende Mutter des Klassenbesten Fritz, die „nur aus Solidarität“ mitgekommen ist.

Kurz und schmerzlos will Jessica Höfel die Sache abwickeln, der alles egal ist, Hauptsache, ihre Laura kommt aufs Gymnasium. Zu dumm, dass Frau Müller ihre pädagogische Qualifikation einfach nicht in Frage stellen lassen will. Und sie weiß Dinge über Janine, Laura, Lukas, die deren Eltern noch nicht wussten und ungern hören.

Hübner schreibt Gebrauchstheater, aktuell, zugespitzt, mit allen Vor- und Nachteilen. Seine Figuren zeichnet er nicht mit allzu vielen Grautönen, sondern in beherztem Schwarz-Weiß. Und oft ahnt der Zuschauer schon, dass der eine Vater und die andere Mutter eine Affäre hatten, bevor er sich über die herzlose Trennung per SMS beschwert. Mancher Zug in den elterlichen Auseinandersetzungen mögen von Yasmina Rezas „Der Gott des Gemetzels“ inspiriert sein, wo es auch um zwei Schüler geht. Aber Hübner verbindet die Elemente mit dramatischer Routine zu einem Text, der einiges an Unterhaltungspotenzial und Erkennbarkeit bietet.

Andreas Gruhn, Chef des Kinder- und Jugendtheaters, hat das mit Liebe inszeniert. Den Showdown-Charakter des Geschehens unterstreicht er mit kurzen Zwischenszenen, zu denen Musik aus Italo-Western wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ läuft und die Akteure sich in Zeitlupe bewegen. Und diese Schule liegt nicht in Dresden, sondern irgendwo hier im Revier, so dass die Eltern von Lukas aus München hergezogen sind. Im Übrigen läuft das Drama hier nüchtern ab, ohne überflüssige Slapstick-Einlagen. Bettina Zobel gibt der Lehrerin ein wenig viel Pathos mit, wenn sie den Eltern in einem längeren Vortrag versichert, dass sie alle ihre Schüler doch von Herzen liebe. Aber das Selbstbewusstsein der engagierten und erfahrenen Pädagogin nimmt man ihr allemal ab.

Die Eltern hat Hübner als klar konturierte Typen angelegt, und die Darsteller nutzen ihre Chancen. Johanna Weißert verleiht der Jessica Höfel die kalte Geschäftsmäßigkeit der Karrierefrau, die bei der Tochter schon mal fünf gerade sein lässt: „Computerspiele machen nicht dumm, sondern normal.“ Désirée von Delft nimmt die auf Ausgleich bedachte Katja Grabowski schön zurück. Andreas Ksienzyk liefert den arbeitslosen Wolf Heider als prachtvollen Macho zwischen Kümmerertum, Ratlosigkeit und Ranwanzerei. Rainer Kleinespels Jeskow ist glaubwürdig als überforderter Angestellter, Bianka Lammert gibt die hübsch hysterische Strebermutti.

So konzentriert findet man Problemeltern wohl in keiner, etwas von ihnen aber in jeder Klasse. Darum ist der Lern- wie der Lacherfolg dieser Inszenierung sicher.

22., 27., 28.2., 7., 8., 15., 21.3.; Tel. 0231 / 50 27 222, www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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