Jon Lord spielt „Sarabande“ in der Philharmonie Essen

+
Dirigiert ein wenig mit von der Orgel aus: Jon Lord in der Philharmonie Essen. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ ESSEN–Am Ende hängt, wie er es formuliert, der „alte Mantel“ noch an ihm, und er trägt ihn doch mit etwas Stolz, diesen Hit aus dem Jahr 1969, und greift die sanften Akkorde auf der Hammond-Orgel. „Child In Time“. Seine grauen Haare hat Jon Lord zum Zopf gebunden. Ganz bestimmt sieht man ihm den wilden Hardrocker aus den Tagen von „Deep Purple“ nicht mehr an beim Auftritt in der Philharmonie Essen. Ein freundlicher Senior blickt da auf sein Leben zurück. Als er den Fans dankt, klingt das sehr aufrichtig: „Meine Karriere hatte Höhen und Tiefen, aber ihr wart immer da.“

Vor allem zelebriert Lord Pop-Geschichte. Erstmals, unterstreicht er, spielt er ein Schlüsselwerk auf der Bühne: Die Suite „Sarabande“. Aufgenommen wurde das Werk 1976 in Oer-Erkenschwick, mit der Philharmonia Hungarica und Solisten wie Pete York am Schlagzeug und Andy Summers, dem späteren „Police“-Gitarristen. Die waren nicht in Essen. Dafür eine Band, deren Mitglieder auch in der Neuen Philharmonie Westfalen Klassik spielen, die Dead Composers Rocking Society. Und wenn auch Gitarrist Richard Güth einen Einsatz versemmelte, so glänzte er doch in vielen rockigen Soli und vertrat sowohl Summers als auch (später) Richie Blackmore würdig. Den Orchesterpart übernahmen die Hagener Philharmoniker, die unter Leitung ihres Generalmusikdirektors Florian Ludwig das Werk in vielen Klangfarben schillern ließen.

Die Abschnitte von „Sarabande“ benannte Lord nach barocken Tänzen. Tatsächlich aber nimmt er den Hörer auf einen Schnelldurchlauf durch die Musikgeschichte. Das hört sich mal nach Bach an und nach Lautenmusik von John Dowland, dann schwelgt Lord am Piano kurz in romantischer Süße, das Orchester ballt sich zu Wagner‘scher Wucht, um gleich darauf Bernstein-mäßig lateinamerikanisch zu tänzeln. Vergessen wir die Hollywood-Anklänge nicht. Der Rock kommt am ehesten im Leitmotiv von der E-Gitarre vor, dazu gibt es die orientalisch angehauchte Bourree mit ihrem mitreißenden Rhythmus. Und im Finale schichtet Lord über einem Rockbeat Motivfetzen aus dem Orchester. Das ist überaus eklektisch, aber es markiert eine in dieser Perfektion uneingeholte Synthese beider Musikwelten. Das Publikum bejubelte einen erstaunlichen Kraftakt. Besonders die Philharmoniker bestachen durch einen souveränen Umgang mit den Rhythmuswechseln, mit wuchtigen Tutti und einigen lyrischen Soli von Oboe, Harfe und Percussion.

Lord hingegen legte sich solistisch weniger ins Zeug. Der 69-Jährige ließ die energiegeladenen Momente, die er früher mit glühenden Hammond-Figuren zündete, lieber dem Gitarristen und dem Orchester. Nach der Pause gab es eine seltsame Mischung. Mit dem stilsicheren und stimmstarken Sänger Doogie White (u.a. Rainbow) interpretierte Lord alte Rockkracher von Deep Purple. Dazwischen gab es mit Tanja Schun, Sopranistin am Theater Hagen, neuere Titel wie „The Sun Will Shine Again“, das Lord für Ex-Abba-Sängerin Frida geschrieben hatte. Das war gewiss gut gesungen und gespielt, klang aber fatal nach Musical, ziemlich seicht und süßlich. Was Lords Fans nicht vom Beifall abhielt.

Ein Abend, der Nostalgiker beglückte. Wenn Lord auch über jugendlichen Überschwang hinaus ist, so bot er doch fast drei Stunden gediegener Musik mit einem Hauch von Night Of The Proms: Etwas für jeden in der Familie. Langer Jubel.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare