Das London Phiharmonic Orchestra in Dortmund

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Yannick Nézet-Seguin

Von Edda Breski DORTMUND - Kurz vor der finalen Auflösung von Gustav Mahlers 9. Sinfonie, bevor sich das Motiv des endlos strömenden Adagios nach 25 Minuten wie sich ausbreitende Wellenringe erstirbt, da begegnen sich die beiden Hauptgedanken des Satzes für einen Moment in den Streichern.

Das Verzierungsmotiv und der absteigende Lauf, den Mahler als Gegengedanken formuliert, reiben sich aneinander, nur für einen Augenblick. Wie Yannick Nézet-Seguin, Residenzkünstler am Konzerthaus Dortmund, und das London Philharmonic Orchestra das spielten, mit welcher Grazie sie diesen Moment kommen und vergehen ließen, das war mehr als hörenswert.

Im Konzerthaus Dortmund nutzt Nézet-Séguin den opulenten, gediegenen Edelholzklang des London Philharmonic, lässt Melodien weit ausschwingen, wo er kann. Dabei zeichnet er die Bruchlinien der Neunten erbarmungslos nach. Grandios zerrissen klingt die Verschwendungsmusik des ersten Satzes von der schroffen, unterschwellig zerbrechlichen Eröffnung über die Entwicklung des Sekundschrittes, der der erste Motivteil der Sinfonie ist, zu einer Keimzelle von Leben und Tod. Unter Nézet-Séguin hört man das Großartige daran, den majestätischen Kondukt, das jähe Aufjagen in den Steigerungen, aber auch ihre Beruhigung in den Passagen, in denen die Melodiefetzen dahintreiben. An diese grandiose Schroffheit ist auch der Ländler angelehnt. Die polterigen Tanzeinsätze, der verstolperte Dreivierteltakt, das klingt schon beinahe zu grell, zu parodistisch. Zur Doppelbödigkeit fehlt diesem Satz die glänzende Oberfläche, unter der sich all das abspielen muss: das Lügengold.

Das hat Nézet-Seguin in den Beginn des dritten Satzes genommen. Die Rondo-Burleske leuchtet er als pervertiertes Scherzo aus. Die bittere Wiener Süßigkeit in den Geigen setzt er als Statement ein, am Ende löst sich die Musik in grellem Gleißen auf. Die Neunte, dieser finale Essay über Mahlers Lebensthemen Werden und Vergehen, endet im Strom des Schlussadagios. Nézet-Seguin hebt auch hier die Schroffheiten der Struktur heraus, wenn er sein Blech markant einsetzen lässt – ein Markenzeichen, das sich auch in den anderen Sätzen hören lässt. Damit setzt er der Auflösung des Motivs in dauernder Wiederholung bewusste Akzente entgegen.

Welches Werk kann man mit dieser Sinfonie koppeln? In Dortmund setzt Nézet-Seguin Mendelssohn Bartholdys erstes Klavierkonzert davor, ein brausendes, frisches Lebensbekenntnis. Nicholas Angelich spielt diese knapp 20 Minuten mit ungeheuerer Souveränität. Nézet-Seguin peitscht sein Orchester an, Details, wie die kurzen Dialoge von Klavier und Bläsern zu Beginn des Kopfsatzes und im dritten, verschwinden ein wenig aus der Aufmerksamkeit. Dafür aber stürmt und drängt das Orchester im Gleichklang mit dem Klavier. Angelich zeichnet seinen Part etwas scharfkantig im Klang, mit weiten, gelassen durchmessenen Bögen und großer Ruhe auch in den stürmischsten Passagen des Presto, in denen er sich fast nebenbei erhellende Freiheiten mit den Tempi erlaubt: Zu seiner Reife gesellt sich hier ein entzückender Übermut.

Quelle: wa.de

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