Live Jazz und Tanz: Xin Peng Wangs „Identities“ in Dortmund

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Szene aus „Identities“ in Dortmund mit Howard Lopez Quinteiro und Esther Perez Samper. ▪

Von Ursula Pfennig ▪ DORTMUND–Das Ballettzentrum Westfalen dient dem Dortmunder Ensemble normalerweise als Trainingszentrum. Für die Installation „Identities“ mit Live-Jazz von Franz Koglmann nutzt Ballettdirektor Xin Peng Wang die Räume erstmals als Veranstaltungsort.

Ursprünglich wurde das Gebäude im Westfalenpark als Sonnenergieforum von der RWE errichtet. Seit seiner Umwidmung Ende 2009 genießen die Tänzer hier deutlich bessere Trainings- und Probenbedingungen als in den – meist fensterlosen – Räumen im Opernhaus. Auch am Sommerabend der Uraufführung von „Identities“ fällt das Licht durch das verglaste Dach und Panoramascheiben. Offen und leicht wirkt das. Hellgraue Kostüme (Jula Reindell) und die Jazzmusik unterstreichen die frische, lebendige Stimmung. Ein Raumwechsel während der Aufführung, wobei das Publikum zum Teil steht (und sich im Spiegel sieht), schafft so etwas wie Club-Atmosphäre.

Doch das Thema der einstündigen Installation ist ein schmerzhaftes. Grundlage ist der Roman „Die Identität“ von Milan Kundera über ein Liebespaar, Chantal und Jean-Marc, das sich zwischen Realität und Alpträumen verstrickt. Im Kern geht es um die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität und die Frage, ob ein Mensch existiert, wenn er von anderen nicht wahrgenommen wird. Roman-Zitate werden von Band eingespielt, so dass die Erzählstruktur den Bildern zugeordnet werden kann.

In Xin Peng Wangs Choreografie nach einer Idee und dem Konzept von Christian Baier sind die Rollen der Protagonisten jeweils doppelt besetzt. Risa Tateishi und Esther Perez-Samper bringen die widersprüchlichen Persönlichkeitsanteile von Chantal zum Ausdruck, wobei Tateishi eher den verzweifelten und selbstzerstörerischen Part übernimmt, Perez-Samper den übermütigen, manchmal auch kokettierenden. Bei den Männern kommt Howard Lopez Quintero eher als schwärmerischer, selbstbewusster Liebhaber daher, während Arsen Azatyan den ernsten und besorgten Partner gibt. Doch diese Eigenschaften changieren, die Grenzen verschwimmen. Die vier Solisten genießen viel Raum und Bewegungsfreiheit. Ihr brillanter Tanz, meist einzeln oder paarweise, ist klassisch fundiert und lässt Assoziationen zu, ohne Interpretationen festzulegen.

Franz Koglmann komponierte die Musik und greift selbst als fünfter Protagonist mit seinem Flügelhorn in die Inszenierung ein. Auch die Musik schillert zwischen Poesie und Ironie, beschwingter Leichtigkeit und nackter Bedrohung. So ganz genau weiß man nie, woran man ist – auch in den schönsten Momenten bleibt die Musik hintersinnig und gefährlich. Gerade noch stimmt ein lockerer Salon-Tango heitere Tonlagen an, als überraschende Dissonanzen Risse in der heilen Welt andeuten. In einer Schlüsselszene nimmt Koglmann den Platz an einem Tisch gegenüber der Tänzerin Tateishi ein. Sein Horn peitscht sie auf, lässt sie mit sich selbst ringen und wirft sie schließlich zu Boden. Dass die Liebe ihres Freundes sie noch retten kann, erscheint mehr als fraglich. Und so gelingt ein intensives finales Duo, das tief berührt.

Musik und Bewegungen sind in „Identities“ eng miteinander verwoben. Deutlich ist wahrzunehmen, wie sich die Künstler bei Improvisationen in der Entstehungsphase gegenseitig inspiriert haben. Dies macht die Produktion zu einem exquisiten Stück Tanz.

6., 7.7., Tel. 0231 / 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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