Literatur über Napoleon und seine Niederlage bei Waterloo

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Nein, das ist nicht Napoleon, sondern ein französischer Rechtsanwalt, der im Juni am Originalschauplatz die Rolle des Herrschers in der nachgespielten Schlacht von Waterloo übernommen hatte.

Das Ende ist bekannt. Als Napoleons letztes Aufgebot, die nie besiegte Garde, sich am Abend des 18. Juni 1815 im Kugelhagel der britischen Infanterie zurückzieht, ist die Schlacht von Waterloo für die Franzosen verloren. Die Armee des Kaisers flieht, er dankt vier Tage später ab.

Waterloo ist seitdem das Synonym für eine vollständige Niederlage. Doch war sie zwangsläufig? Ein halbes Dutzend Bücher beschäftigt sich mit den Ereignissen vor 200 Jahren, die über eine Schlacht hinausgehen: der Wiener Kongress, Napoleons Flucht von Elba und die anschließende Herrschaft der „100 Tage“, der blutige Feldzug und schließlich eine neue europäische Ordnung – ohne Napoleon, den die Briten ins Exil auf die abgelegene Atlantikinsel St. Helena schicken.

Dabei ist Napoleon schon geschlagen, bevor die ersten Soldaten das Schlachtfeld von Waterloo erreichen – so stellt es zumindest der britische Historiker Munro Price in „Napoleon. Der Untergang“ dar. Seine Geschichte vom Abstieg des einst unbestrittenen Herrschers über Europa beginnt nach dem Fiasko des Russlandfeldzuges 1812. Zwar stellt Napoleon anschließend neue Armeen auf, doch militärisch, diplomatisch und politisch häufen sich die Fehlentscheidungen. Der Kaiser der Franzosen habe sich nach der Niederlage im Russlandfeldzug beharrlich der Realität verweigert und auf keinen Fall einen Kompromissfrieden schließen wollen. Napoleon glaubte, so Price, dass Gebietsverluste ihn den Thron kosten würden. Dass die Fortsetzung des Krieges genau dazu führte, klingt nach bitterer Ironie der Geschichte.

Die „100-Tage“-Herrschaft und Waterloo sind bei Price nur noch Epilog. Der Berliner Historiker Volker Hunecke widmet sich dieser Endphase der napoleonischen Herrschaft umso intensiver und stellt sie als komplettes Missverständnis dar. Frankreich sei unter dem Bourbonen-König Ludwig XVIII. eine liberale konstitutionelle Monarchie gewesen, mit der der größte Teil der Franzosen zufrieden sein konnte, so Hunecke. Napoleon traf demnach nur beim sich vernachlässigt fühlenden Militär auf Sympathien, was immerhin reichte, um ihm im Triumphmarsch nach Paris zu bringen. Den Thron verlor Napoleon demnach nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern auch, weil er in Paris längst jede Unterstützung verloren hatte.

Im Exil gelang Napoleon ein letzter Sieg. Mit seinen Memoiren eroberte er die Deutungshoheit über die Ereignisse des Jahres 1815 und lastete die Niederlage den Fehlern seiner untergebenen Kommandeure an. Und tatsächlich, der Napoleon-Mythos lebt bis heute. Zum Beispiel in der Waterloo-Darstellung des Napoleon-Biographen Johannes Willms. Die gerät zuweilen ziemlich theatralisch, wenn Napoleons Strategie als „genial“ bezeichnet und die militärische Auseinandersetzung als „eine Schlacht in fünf Akten“ angekündigt wird.

Pathetisch gibt sich auch Bernard Cornwell, der sich in „Waterloo“ tief vor Arthur Wellesley, Herzog von Wellington und Oberbefehlshaber der britisch-niederländischen Armee, verneigt. Dass die deutsche Übersetzung Wellington etwas holprig als „der Duke“ bezeichnet, gehört zu den Merkwürdigkeiten des Werkes. Der Autor, der zuvor mit historischen Romanen erfolgreich war, reiht bekannte Augenzeugenberichte aneinander und veranstaltet damit eine Art Veteranentreffen in Buchform: Die Schrecken der Schlacht werden nicht ausgeklammert, aber es bleibt zwischen Artillerieduellen und Amputationen immer Platz für die eine oder andere Anekdote.

Den Gegenentwurf kommt vom deutschen Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm. Der rückt in seiner teilweise etwas trockenen Schlachtanalyse Waterloo-Mythen wie den Untergang der Kaiserlichen Garde zurecht – die sich ungeachtet des Kommandos „Die Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht“, recht geordnet zurückzog. Die taktischen Fehler, die für den Schlachtausgang verantwortlich gemacht werden, sieht Bremm auf beiden Seiten gleichmäßig verteilt.

Das originellste Werk stammt vom irischen Historiker Brendan Simms. Der in Cambridge Lehrende zieht den Rahmen bewusst eng und betrachtet in „Der längste Nachmittag“ ausschließlich die Rolle der „King‘s German Legion“, einer Einheit aus hannoverschen Soldaten in britischen Diensten. Sie verteidigten stundenlang den Bauernhof La Haye Sainte gegen eine französische Übermacht. Die zentrale Bedeutung des Hofes hatten Wellington und Napoleon gleichermaßen verkannt. Die Männer der Legion haben aus Simms Sicht die Schlacht entschieden und sind später in Vergessenheit geraten.

Literaturhinweise

Klaus-Jürgen Bremm: Die Schlacht. Waterloo 1815. Theiss Verlag, Darmstadt. 256 S., 24,95 Euro.

Bernard Cornwell: Waterloo. Eine Schlacht verändert Europa. Wunderlich Verlag, Reinbek. 479 S., 24,95 Euro.

Volker Hunecke: Napoleons Rückkehr. Die letzten hundert Tage Elba, Waterloo, St. Helena. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart. 256 S.. 21,95 Euro.

Munro Price: Napoleon. Der Untergang. Siedler Verlag, München. 462 S., 24,99 Euro.

Brendan Simms: Der längste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo. Verlag C. H. Beck, München. 190 S., 18,95 Euro.

Johannes Willms: Waterloo. Napoleons letzte Schlacht. C. H. Beck: München. 288 S., 21,95 Euro.

Quelle: wa.de

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