Lisa Nielebock inszeniert „Nathan der Weise“ in Essen

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Schwierige Beziehungen: Szene aus der Essener Inszenierung von „Nathan der Weise“ mit Jürgen Hartmann in der Titelrolle und Barbara Hirt. ▪

Von Edda Breski ▪ ESSEN–Eigentlich ist alles da, was man braucht: Brot, Obst, Wasser, Wein. Ein Tisch mit Stühlen, auf denen sich beisammen sitzen ließe. Aber darum geht es hier nicht. Getrieben werden die, die um den Tisch streichen, von was ganz anderem. Die junge Regisseurin Lisa Nielebock konterkariert am Essener Schauspiel Lessings dramatisches Gedicht „Nathan der Weise“ als Parabel um die Unmöglichkeit von Toleranz unter den Menschen.

Der Jude Nathan, der Moslem Saladin und die Christen bewegen sich um den Tisch, der in einem weißen Halbrund aufgestellt ist (Bühne: Kathrin Schlecht). Ab und zu läuft einer durch den Bühnenhintergrund, belauert, schaut, plant. Daja (hervorragend: Henriette Thimig als Ersatzmutter) will Recha und den Tempelritter verkuppeln, und sie aus der Obhut des jüdischen Ziehvaters befreien. Recha (Barbara Hirt als labiles Mädchen) sucht Halt, und Nathan (Jürgen Hartmann) will seinen Frieden.

In Zuspitzung des Religions-Dreiecks setzt Nielebock auf eine unaufdringliche Symbolik, die auch das Klischee einbezieht. Krunoslav Sebreks Tempelherr trägt das Mal seines „Ordens“ auf dem Unteram, und als er beschließt, sich auf seine Liebe zur vermeintlichen Jüdin Recha einzulassen, versucht er vergeblich, es abzureiben. Er passte gut in einen Leni-Riefenstahl-Film; er ist ganz der kraftvolle junge Mann, der Stillestehen und Denken für minderwertig hält und lieber auf das spuckt, was ihm missfällt. Der großartige Andreas Grothgar verleiht als Saladin in Kampfhose und Springerstiefeln (Kostüme: Julia Ströder) seinem Spiel die ölige Freundlichkeit, die per Klischee dem Orientalen zugeschrieben wird. Dabei lässt er sich von Sittah (Bettina Engelhardt) bedienen, die ihre Meinung hinter devotem Verhalten verbirgt.

Jürgen Hartmann glänzt als Nathan: Er gibt den Geschäftsmann, der diese Attitüde aus Selbstschutz trägt – Rechas Beinahe-Tod in den Flammen erinnert ihn an den Tod der eigenen Frau und Kinder bei einem Pogrom, von Hand der Christen. Er erpresst Daja, damit sie über Rechas Herkunft den Mund hält. Um ins Konzept der Religionsklischees zu passen, darf er kurz mal jiddisch reden. Die Ringparabel, das berühmte Plädoyer für Toleranz unter den Religionen, wird, im Schlagabtausch mit Saladin, zur Pointe in einem Wortduell, zum cleveren Einfall, der den Sieg bringt in diesem Match. Zwar tragen Nathan, Saladin und der christliche Prälat (Holger Kunkel als schmieriger Würdenträger) jeder einen Ring am Finger, aber der ist nur schmückendes Beiwerk.

Mit einfachen Mitteln entwirft Nielebock Beziehungen und Kommentare – auch aktuelle. Der Prälat, ein verklemmter Alter mit Blindenstock, legt dem jungen Tempelherren zitternd die Hand aufs Knie. Mehr braucht es nicht. Nielebock verfällt in ihrer ersten Arbeit für das Grillo-Theater nicht der Versuchung, die Anspielungen auszuwalzen. Lieber gibt sie ihrem Ensemble Raum, ihre Figuren zu entwickeln. So ergeben sich Episoden scheinbaren Stillstands, kontrastiert durch Augenblicke hilflosen Gelächters – Lachen als Versuch der Traumabewältigung. Schwachpunkt im Stück ist die Recha, die als pubertierende Orientierungslose im Vater-Geliebten-Konflikt reichlich konventionell angelegt ist. Was lässt sich auch machen mit dem Mädchen, das wie das ruhige Auge im Sturm von Männerhändeln umgeben ist?

Nielebocks „Nathan“ ist mit langem Atem inszeniert, mit verständnisvollem, dabei pessimistischem Blick. Sie findet in Obst und Brot eine Metapher für das menschliche Zusammenleben – am Ende wandelt sie sich in den Händen von Sultan und Tempelherr zum Symbol für Gewalt.

19.,28.5., 4.,15.,19.,26.6.,

Tel. 02 01/81 22 200,

http://www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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