Lisa Nielebock inszeniert „Kasimir und Karoline“ in Bochum

+
Die Harmonie trügt: Szene aus „Kasimir und Karoline“ am Schauspielhaus Bochum mit Florian Lange und Therese Dörr. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Will Karoline zu dem Kommerzienrat ins elegante Kabriolet steigen oder sich lieber mit Kasimir aussöhnen? Der Zuschauer im Schauspielhaus Bochum schwankt mit ihr, wie sie sich erst an ihren Verlobten schmiegt und ihm dann doch Lebewohl sagt. Wie sie sich von ihm umarmen lässt, ihn dann aber von sich schiebt. Diese junge Frau, so selbstbewusst, so stark, entscheidet nicht. Sie fällt in die Augenblicke, wie die sich ergeben.

Die junge Regisseurin Lisa Nielebock inszeniert „Kasimir und Karoline“, das 1932 uraufgeführte Volksstück von Ödön von Horváth, in Bochum, und sie horcht sehr genau in die Figuren hinein. Die Handlung ist einfach: Ein junges Paar besucht das Münchner Oktoberfest. Kasimir, der Chauffeur, wurde gerade „abgebaut“, wie es seltsam modern heißt. Die berufstätige Karoline möchte sich amüsieren. Weil er so eine Spaßbremse ist, verliert das Paar seine Liebe: Arbeitslosigkeit ist nicht sexy. Karoline entdeckt, wie viele Männer – und damit Möglichkeiten – es gibt, und für den sozialen Aufstieg gibt sie ihre Gefühle preis. Kasimir sucht Halt, klammert erst bei ihr, versucht sie eifersüchtig zu machen, landet am Ende in einer Zweckgemeinschaft. Sie trinken viel Alkohol und sind am Ende ernüchtert. Da muss Regie nicht viel aktualisieren.

Eine traurige Ballade nannte der Autor sein Stück. Genau so lässt Nielebock es spielen. Lars Kuslinski macht als Ein-Mann-Orchester an Trompete und Klavier die Musik, manchmal bläst er einige elegische Phrasen, dann lässt er Marschmusik rumpeln. Sascha Gross hat ein nach vorn abfallendes Spielfeld errichtet, auf dem nur einige Bierkisten, Hocker, ein Zelt und Windmaschinen stehen. Nach hinten hin öffnet sich Leere, in der ein gewaltiger Ball mit rosa Neonröhren in seinem Lauf die Zeit markiert, halb Laterne für den Rotlichtbezirk, halb fern-romantischer Mond. Alles ist reduziert an diesem Abend, und doch bleibt Raum für eine karge, fragile Poesie.

Nielebock braucht keine Würstelbuden und Biertische, um das taumelnd Rauschhafte des Festes zu formulieren. Sie lässt die feinen Leute um Kommerzienrat Rauch, die sich unter die kleinen Leute mischen wollen, als kreischende, Schampus-spritzende Horde von rechts nach links laufen. Sie lässt alle auf der Bühnenkante sitzen und die Operetten- und Stimmungslieder im Chor singen. Dazwischen genügen manchmal zwei, drei Sätze, um die verzweifelte Glückssuche der Figuren voranzutreiben. Das hat etwas von einer Nummernrevue, gibt der Erzählung, die ja nicht wirklich voranschreitet, einen Rhythmus. Da werden Karoline und Kasimir in die Rolle der Monster aus dem Abnormitätenkabinett gezwungen. Selbst das passt, denn Rauch und Begleiter beäugen das Paar voyeuristisch. Manche Andeutungen von Horváth übersetzt die Inszenierung in eindeutige Bilder: Aus den Ritten im Hippodrom wird ein Klammerblues zum Gestöhne von „Je t'aime“.

Nielebock hat überzeugende Darsteller. Therese Dörr gelingen als flatterhafter Karoline traumhafte Momente: Wie sie sich unschuldig-schamlos in der langen Pippi-Langstrumpf-Strumpfhose herumfummelt, ob da „was gerissen“ ist. Wie sie beim Trinken nervös hüpft, als ob sie den Alkohol in sich herunterschütteln wollte. Wie sie auf einer Bierkiste vor der Windmaschine das Kleid wehen lässt, sich dabei an den rosa Eugen schmiegt, so dass die Achterbahnfahrt in Anmache führt. Daneben wirkt Florian Langes Kasimir in Jeans und Strickjacke wie ein Besucher aus Bochums Fußgängerzone, ein geerdeter Durchschnittstyp ohne große Ambitionen, der immer mehr spürt, wie seine Partnerin das Interesse an ihm verliert. Mit spröder Intensität zeigt er, wie der Verletzte verletzen kann. Auch die Nebenrollen sind präzise konzipiert: Heiner Stadelmann gibt dem Kommerzienrat eine feine Balance zwischen Zynismus und Jovialität, Matthias Redlhammer zeigt den Eugen als wendig-korrumpierbaren Kleinbürger, Michael Schütz ist als Merkl Franz ein kantig-brutaler Prolet, Veronika Nickl zeigt schön die vom Leben versehrte Erna.

Der Abend kommt ohne vordergründige Pracht aus und hat doch visuell starke Momente. Aber er stellt eben die vom Schicksal und den eigenen Sehnsüchten gebeutelten Menschen ins Zentrum. Am Ende singt Karoline leise und allein von der Zeit für die Liebe, die einmal kommt. Da stehen dann zwei neue Paare, und der Zuschauer spürt ihre kalte Einsamkeit.

23.2., 2., 10., 16., 25.3., 3.4., Tel. 0234 / 33 33 55 55, www. schauspielhausbochum.de

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare