Wolfgang-Borchert-Theater würdigt Alfred Flechtheim

+
Als ganzen Kerl zeigt das Borchert-Theater in Münster Alfred Flechtheim: Szene aus Arna Aleys Stück „Die letzte Soirée“ mit Claudia Kainberger und Bernd Reheuser.

Von Elisabeth Elling Münster - Das alte Speichergebäude lag ihm nicht sonderlich am Herzen. Mit dem Getreidehandel seiner Familie hatte Alfred Flechtheim (1878–1937) nicht viel am Hut – und nichts mehr zu tun, als er 1913, mit 35 Jahren, den Kunsthandel zu seinem Beruf machte. Er wurde – erst in Düsseldorf, dann im Berlin der 1920er Jahre – zum legendären Mäzen und Galeristen zeitgenössicher Maler wie Matisse, Picasso, Grosz, Beckmann, Klee...

Seine Geburtsstadt reklamiert ihn jetzt trotzdem für sich. Im großzügig renovierten Flechtheimspeicher residiert seit dem Wochenende das Wolfgang-Borchert-Theater. Zur Eröffnung der neuen Spielstätte inszeniert Intendant Meinhard Zanger eine Uraufführung: „Die letzte Soirée“, ein halb-dokumentarisches Stück von Arna Aley über Flechtheim. In dem anderthalbstündigen Auftragswerk kehrt „Fred“ von den Toten zurück zu seiner Witwe Betty. Es ist der Abend im November 1941, an dem sie sich das Leben nimmt. Am nächsten Morgen sollte sie sich zur Deportation nach Minsk melden.

Aleys Text sortiert Zitate aus Flechtheims Tagebüchern, kunsthistorische Verdienste und biografische Stationen zu einer chronologischen Collage: Offizier im Ersten Weltkrieg, Heirat mit der großmütigen Betty Goldschmidt aus Dortmund, Affären mit Männern und Frauen, Verarmung, Emigration und Tod in London. Nicht zu didaktisch, nicht hagiografisch, allerdings sehr abgeklärt zeichnet Aley diese Figur. Und dadurch längst nicht so faszinierend und glamourös wie von Zeitgenossen geschildert.

Meinhard Zangers Inszenierung belebt den umfänglichen Text, den vor allem Fred-Darsteller Bernd Reheuser zu bewältigen hat. Er spreizt sich als jovialer, lebensmutiger und überwiegend aufgekratzter Kerl, der gerne (jüdische) Witze erzählt. Eine Selbstinszenierung, wie auch die Legenden über eine Entführung durch Zigeuner oder über seiner Verwandtschaft mit Heinrich Heine und der Fürstin von Monaco. Er amüsiert sich die über die Reaktionen auf solche Aufplusterungen. Wie damals, als er in Vaters Kontor ein Bismarck-Telegramm fingierte. Für diesen Streich flog er vom Gymnasium.

In diesen Geschichten steckt immer auch eine ironische Distanz zur Münsteraner Mehrheitsgesellschaft: Fred registriert ein Fremdeln mit ihm und seiner Familie, aller großbürgerlichen Arriviertheit zum Trotz. In sein Tagebuch schreibt er: „Meine Eltern sind Westfalen, und ich kann, trotzdem ich reiner Semit bin, auf eine so lange Reihe westfälischer Ahnen zurückblicken, dass ich mir schmeicheln darf, in diesem Lande ebenso ansässig zu sein wie die Drostes und die Arenbergs.“

Der aufkommende Antisemitismus wird dennoch kein Leitmotiv des Stücks. Die Hetze der NS-Presse ist eine kurze, laute Szene, und Flechtheim identifiziert sich nicht als Opfer. Die Diffamierung seiner Sammlung als „entartete Kunst“ nach seinem Tod wird ausgespart.

Ausstatter Darko Petrovic lehnt Flechtheims Bilder an die Wand von Bettys Wohnung. In diesem schwarzen, bis auf einen Tisch leeren Raum entspinnen sich die Rückblenden. In den Gesprächen mit Betty (Monika Hess-Zanger) werden bald die Verbindungen und Narben der gemeinsamen Jahre: Hier ist Aleys Stück am stärksten.

In solchen Momenten betont „Die letzte Soirée“ auch die Tradition des Zimmertheaters, als das das Wolfgang-Borchert-Theater vor fast 60 Jahren in Münster startete. Es ist eines der ältesten privaten Theater in Deutschland.

20., 21.9.;

Tel. 0251/ 40019; www.

wolfgang-borchert-theater.de

30.9. bis 4.10. Gastspiel am Düsseldorfer Schauspielhaus

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare