Der letzte Band der Werkausgabe des Kritikers Alfred Kerr liegt vor

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Alfred Kerr

Alfred Kerrs Lieblingsbeschäftigungen waren: „Seefahren. Musikmachen. Kindern Gutenachtsagen, Atmen. Sätze meistern. Und Krach.“ Damit hat der Großkritiker des ausgehenden Kaiserreichs und der Weimarer Republik sich auf kleinstem Raum wunderbar porträtiert.

Alfred Kerr (1867–1948) ist heute vor allem als Theaterkritiker bekannt. Ein Mächtiger, gefürchtet an den Bühnen Berlins für seine in Paragrafen aufgeteilten scharfen Urteile. Seit 1989 erscheint unter der Leitung von Günther Rühle eine Ausgabe seiner Werke, die zeigt, dass Kerr viel mehr war als der Förderer von Gerhart Hauptmann, Frank Wedekind, Robert Musil, der Henker schlechter Inszenierungen. Nun liegt der abschließende Band von Kerrs Schriften vor, herausgegeben von Deborah Vietor-Engländer: „Das war meine Zeit. Erstrittenes und Erlebtes“.

Hier hat man den Autor von seiner persönlichen – und zugleich politischen Seite. Man kann nachlesen, wie er sich selber sah. Der Sohn eines Weinhändlers aus Breslau hat nie gezögert, sich in seine Texte einzuschreiben. Seine Eitelkeit klingt nicht nur leise durch. 1927 notiert er in seinem „Lebenslauf“: „Meine Begabung zeigte sich schon früh.“ Der Mann war mit sich zufrieden.

Doch wie anders klingt das 1918 in dem Brief an Heinrich Thormälen, den Vater von Inge, um deren Hand er anhielt. Der damals 50-Jährige warb um eine Frau von 20, und der Vater nahm nicht nur Anstoß am Altersunterschied, sondern hielt auch nicht viel von Juden. Die Ehe kam trotzdem zustande. Aber noch im selben Jahr starb Inge, und was Kerr über sie schrieb, geht zu Herzen. Und noch ein Jahr später heiratete er erneut.

Er war eine Frohnatur, hatte das Glück erlebt und wusste es zu genießen. Als er vor den Nationalsozialisten floh, auf seiner ersten Station in Prag, notiert er: „Ich empfand an diesem Abend das tiefe Glück, jenseits der deutschen Grenze zu sein – und trank erleichtert ein großes, großes Glas Pilsener Bier.“

Man lernt in diesem abschließenden Band Kerr noch einmal als streitbaren Intellektuellen kennen, der sich um viel mehr kümmerte als nur Theater. Der erste Text, zugleich einer der frühesten, ist ein Bericht vom Sozialistischen Weltkongreß 1896, mit Sympathie verfasst, voller feiner Porträts von Größen wie Clara Zetkin, Jean Jaurès und Mlle. Collot, „meiner besonderen Freundin, genannt ,die Bombe’ …, die in Intervallen von fünf bis sieben Minuten in die Luft geht“.

Eigentlich war Kerr ein Liberaler, stritt gegen Zensur, trat für die Entkriminalisierung der Homosexualität ein, argumentierte gegen den Abtreibungsparagrafen, war in den späten 1920er Jahren Pazifist. Er warnte früh vor den Nazis, rief 1932 zur Wahl der SPD auf: „... die Herrschaft der N.S.D.A.P. bedeutet Krieg!“

Der Band enthält auch Verirrungen. 1914 schrieb Kerr einige Texte, die die allgemeine Kriegsbesoffenheit schildern, sich aber zugleich daran beteiligen: „Etwas Riesengroßes ergreift hier Besitz von uns... Etwas Apokalyptisches lugt in die Zonen unseres Atmens.“ 1921 formuliert er die Drohung, ein wiedererstarktes Deutschland werde sich Oberschlesien „mit allen Mitteln zurückholen“. Es ist gut, dass der Band auch diese Fehltritte nicht verbirgt.

Krach liebte Kerr, er legte sich gern mit anderen Autoren an. Seine großen Fehden sind dokumentiert, die gegen Brecht zum Beispiel, der Texte von Rimbaud und Villon benutzt hatte, ohne Quellen anzugeben. In Karl Kraus fand Kerr freilich seinen Meister. Der Wiener Sprachkritiker druckte einen Text Kerrs ungekürzt nach, darunter das abschließende Gedicht („Wie der Sabber stinkt und stiebt...“) und resümierte: „Es ist das Stärkste, was ich bisher gegen Herrn Kerr unternommen habe.“

Trotzdem erweist sich Kerr in der Rückschau als ein sehr lebendiger Autor, gerade weil in seinem Schreiben seine Person stets präsent war. Kritik, forderte er, solle Kunst sein, auf einer Stufe mit Prosa, Poesie, Dramatik. Gewiss übertreibt er seine Bedeutung, wenn er sich als „Vater des Expressionismus“ bezeichnet.

Aber er sah zu Recht die Sprache als seine „Sendung“ an: „Ich habe den bloß auf lutherisch kennengelernten Stil des Alten Testaments verpreußt. Die Grammatik befreit. Die Kastelei gemordet. Die limpidezza gehöht. War bloß Kritik mein Gebiet? Die Sprache war es.“ All die Verkürzungen, Zuspitzungen, Neuprägungen erweiterten die Ausdrucksmöglichkeiten des Deutschen. - Von Ralf Stiftel

Alfred Kerr: Das war meine Zeit. Erstrittenes und Durchlebtes. Hg. v. Deborah Vietor-Engländer. S. Fischer Verlag, Frankfurt. 797 S., 56 Euro

Quelle: wa.de

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