Lesestoff von der 65. Buchmesse: Zehn Bücher, die uns auffielen

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Hauptsache schlank: So bebildert Orlando Hoetzel die Gedanken des It-Girls Leandra-Lou im gedruckten Fashion-Blog.

Von Ralf Stiftel FRANKFURT - Stellen Sie sich ein Rudel Teenies in der ersten Reihe eines Justin-Bieber-Konzerts vor, denen er sein Taschentuch zuwirft. So klingt der Jubelschrei einer Verlegerin, als sie hört, dass Alice Munro, ihre Autorin, den Nobelpreis bekommt. Hunderte vernahmen den Schrei am Donnerstag kurz nach eins. Für Sabine Doerlemann eine Super-Buchmesse. Aber das gute alte Buch ist auf dem Rückzug. Der Verlag dot. books kommt ohne Papier aus. Rund 400 Titel hat er herausgebracht, von „Möppelchensex“ über „Frühstück zu viert“ bis „Der Geliebte der Königsbraut“. Der Verleger freut sich über steigende Umsätze. Ein Literaturpreis für ihn ist noch nicht in Sicht. Es gibt aber noch gutes Gedrucktes. Zum Beispiel diese zehn Bücher, die uns auf der 65. Buchmessse in Frankfurt auffielen. Wenn Ihr Buchhändler sein Geschäft versteht, hat er sie. Oder kann sie schnell besorgen.

1. Direkt neben dot.books zeigt der kunstanst!fter verlag seine Bände, liebevoll ausgestattete Objekte, die schöne Texte mit ausgefeilter Gestaltung verbinden. Der Fashion-Blog von Leandra-Lou persifliert zwar ein Internet-Phänomen. Aber das hier geht nur auf Papier. Verena Stegemann schickt das „Girl mit dem szenigen Doppelnamen“ in „Runway. Catwalk. Holzweg“ an die Brennpunkte der In-Welt, mit ihrem „best gay friend“ in die Bar, die Galerie, zu VIP-Events und Mode-Präsentationen. Ihr IQ liegt deutlich unter ihrem fun-Pegel, und nicht bei jedem der coolen Fremdwörter weiß sie, was sie sagt. Gerade das macht diese kurzen Texte über pregnancy look, Spargel und sogar den Berliner Flughafen zu so treffsicheren Parodien auf eine Lebenswelt aus „Motor, Sex und Chanel“. Richtig toll aber wird das Buch durch die Kombination mit Orlando Hoetzels Illustrationen, die die Formensprache des Art deco ins Heute übertragen. Wie sagt LL? „Sooo arty“.

2. In der Londoner Victoria-Station werden in jeder Sekunde 35 Liter Wasser abgepumpt. Die Gletscher im Himalaya schmelzen ab. An manchen Stellen ist Mexiko-Stadt in den letzten 100 Jahren um neun Meter abgesackt – weil zu viel Grundwasser verbraucht wurde. Der norwegische Historiker und Geologe Terje Tvedt ist ein Fachmann für das nasse Element, das zwei Drittel der Erdoberfläche bedeckt. In seinem Buch Wasser spekuliert er über unsere Zukunft, die immer mehr von diesem Stoff beherrscht werden wird. Er verdeutlicht die Prognosen des Klimawandels, indem er an die Krisenorte reist und schildert, was dort geschieht. Und er skizziert die Großprojekte, die den wichtigsten Rohstoff des Menschen sichern sollen: Entsalzungsanlagen, Megastaudämme und neue Flüsse. Tvedt versteht es, komplexe Probleme so aufzubereiten, dass der Leser mit Gewinn folgt: Der Mann hat zum Thema auch international erfolgreiche TV-Dokumentationen geschrieben.

3. Ein Kochbuch, das man gerne auch einfach nur liest, haben Francoise Hynek und Peter Urban-Halle geschrieben: Jahreszeiten der französischen Küche. Er ist Kritiker und Übersetzer, sie unterrichtet Französisch, beide lieben das gute Essen. Hier geben sie nicht nur 77 Rezepte, von Kartoffelpürree über Froschschenkel bis zur Schweinskopfsülze. Sie führen den Leser durch die Jahreszeiten und das Mutterland der haute cuisine. Sie erzählen von den Tafelsitten und berichten zum Beispiel von Meistern des alten Schlags wie dem Bäcker Olivier Reverbel aus Carnet und der Metzgerei Carré aus Orleans. Und sie haben sich von Kollegen Rezepte schicken lassen, Marie N’Diaye zum Beispiel bereitet Salat von gegrilltem Gemüse, und Jean-Philippe Toussaint illustriert die Zubereitung seines Zucchini-Tian mit Fotos.

4. A propos Frankreich: Philippe Delerm gehört dort zu den bekanntesten Autoren. Der Band Vorsicht, der Teller ist heiß! versammelt einige seiner Sprachglossen. Dabei ist der Titel immer eine viel gebrauchte Phrase, zu der Delerm den verborgenen Sinn nachliefert. „Das hört sich jetzt spießig an“ entlarvt den, der sich eigentlich mit diesen Worten distanzieren will, erst recht als Spießer. Es verblüfft, wie viele Sätze auch im Deutschen geläufig sind. Oft kritisiert Delerm, prangert die „dümmste, ärgerlichste Redewendung aller Zeiten“ an und dreiste rhetorische Schachzüge wie bei „Warten Sie schon lange?“. Aber er kann auch nostalgisch werden, wie bei seinem Abgesang auf das Dorf, das noch lebendig war, als „wir noch mal kurz bei Mentec vorbeigingen“.

5. Früher, schreibt Hannelore Schlaffer, hatten Städte einen Mittelpunkt, Kirche, Rathaus und Marktplatz. Heute gibt es Die City. Ihr gleichnamiges Buch ist eine ebenso witzige wie scharfsinnige Polemik gegen die moderne Stadtplanung. Sie erklärt uns, warum die City heute vertikal erschlossen wird, von unten nach oben, durch U-Bahnhöfe und Parkhäuser. Sie notiert den Verlust der Sonderlinge, die Sünde wurde aus der Stadt vertrieben und mit ihr die Schönheit. In City-Centern wird konsumiert, wobei die großen Ladenketten sich als kleine Boutiquen tarnen. Und Kultur dient dazu, die City unterscheidbar zu machen. Schlaffer entschlüsselt das moderne Stadtleben, zeigt, wie Mobiltelefone Gesicht und Gehör blockieren und die Menschen von der Umwelt abschneiden. Sie diagnostiziert die überall vorherrschenden Essensgerüche und die Trinksucht (freilich alkoholfrei), und was der Preisnachlass mit den Besuchern der City macht. Ein Buch, das Augen öffnet.

6. Eine besondere Stadt ist Kosice in der Slowakei. Kaschau, so der deutsche Name, ist Kulturhauptstadt Europas. Die alte Metropole, die mit dem Dom der heiligen Elisabeth den größten gotischen Sakralbau Osteuropas beherbergt, liegt in der Schnittstelle der Kulturen, war mal ungarisch, mal türkisch, mal tschechisch beherrscht, Heimat auch für Juden und Deutsche. Ihr bekanntester Sohn ist der Schriftsteller Sandor Marai. Im Buch Kosice – Kaschau versammelt Dusan Simko Texte von Marai, aber auch anderen prominenten Autoren wie Egon Erwin Kisch, Ilja Ehrenburg, Karl-Markus Gauß, die Leben und Geschichte Kaschaus aufleben lassen. Das beginnt mit dem Barockdichter Daniel Speer, der die „ueberauß ungesunde Luft“ kritisiert, geht mit dem osmanischen Reiseschriftsteller Evliya Celebi weiter, der die prächtigen Kirchen bewundert, und reicht bis zum aktuellen Bericht von Martin Leidenfrost aus dem „Hotel Metal“ im Roma-Quartier abseits des alten Zentrums.

7. Jörg Schröder hat 1969 den März-Verlag gegründet, eine Institution der Underground-Literatur. Außerdem erfand er eine eigene Textform in „Schröder erzählt“ – Geschichten, die nicht geschrieben, sondern wirklich auf Tonband gesprochen und dann transkribiert wurden. 60 Folgen sind davon seit 1990 erschienen, seit einiger Zeit mit seiner Partnerin Barbara Kalender. Den 75. Geburtstag Schröders am 24. Oktober feiern sie mit einer feinen Auswahl dieser Texte: Kriemhilds Lache. Diese Erzählungen leben von ihrem eigenen Ton, von ihrer Spontaneität und dem manchmal chaotischen Aufbau. Und Schröder erzählt höchst unterhaltsam von Armut auf dem Niveau von Millionären, von seiner Buchhändler-Lehrzeit in Düsseldorf, als „Kräuselmeier“ für die Gewerkschaft Bücher einkaufte und nebenbei auch mal eins klaute und sich eine Buchhändlerin sexuell hörig machte, oder wie der Bestseller des Bergmanns Hans Henning Claer den Titel erhielt: „Lass jucken Kumpel“.

8. Wie geht das, dass ein Junge mit Migrationshintergrund, gut integriert als hoffnungsvolles Fußballtalent, abrutscht und Teil der „Macheten-Bande“ wird? Bürkan geschieht genau das in der Erzählung gleichen Titels von Dorian Steinhoff. Im Band Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern schreibt der 1985 in Bonn geborene Autor prägnant von Jungen an der Schwelle zum Erwachsensein. Dabei nimmt er die Perspektive seiner gebrochenen Helden ein, richtet nicht, sondern berichtet. Moritz zum Beispiel verpeilt den Termin auf dem Arbeitsamt, hängt an der Playstation und wartet darauf, dass seine maroden Zähne saniert werden. Seinen Vater nennt er „Erzeuger“. Einfühlsam schildert Steinhoff die kleinen Verletzungen und Demütigungen, die vielleicht ein Leben lenken.

9. Seit 1992 erscheinen im Bielefelder Pendragon Verlag die Bücher von Hertha Koenig neu. Die auf Gut Böckel im Kreis Herford geborene westfälische Dichterin (1884–1976), die mit Rilke befreundet war und auf ihrem Gut Künstler und Intellektuelle aufnahm, galt vor allem als bedeutende Lyrikerin. Zum Abschluss der Werkausgabe ist nun der Band Die helle Nacht erschienen mit sechs Porträts von Frauen. Es sind einerseits konventionelle Erzählungen um Frauen, die entsagen, wie Stefanie Viereck im Nachwort betont. Aber es gibt eben auch Momente, in denen die Frauen sich behaupten. Die Tänzerin Lia-Nora zum Beispiel sieht sich mit einer verzogenen höheren Tochter konfrontiert, die ihre Schülerin werden soll. Am Ende geht es aber um ihren Geliebten, von dem sie sich trennt, weil sie die strengen Prinzipien ihrer Kunst auf ihr Leben überträgt.

10. Eine starke Frau war auch die britische Journalistin Sandy Fawkes (1929–2005), die über Mode schrieb und als Kriegsreporterin arbeitete. Sie war Stammgast in den Bars von Soho, Kettenraucherin und vertrug enorme Mengen Whisky. 1982 brachte sie ein „Handbuch für das leichtfertige Leben“ heraus mit dem umständlichen, aber erschöpfenden Titel: Ernährungsgrundlagen für den leidenschaftlichen Trinker. In diesem verdienstvollen Nachschlagewerk verzeichnete sie, welche Vitamine in welcher Dosis man nehmen muss. Sie nennt Hausmittel gegen den Kater und blutunterlaufene Augen, und es gibt Rezepte vom First Drink bis zum Nachthappen. Die deutsche Ausgabe ist liebevoll bebildert und mit einigen Anmerkungen auf den aktuellen Stand gebracht. Sie schreibt nicht für „ernsthafte Gesundheitsapostel“. Sie findet, dass Trinker wie sie auf sich selbst Acht geben sollten: „Wir müssen fit bleiben, damit wir auch morgen noch fröhlich Unfug anrichten können.“

1. Verena Stegemann/Orlando Hoetzel: Leandra-Lou. Runway. Catwalk. Holzweg. kunstanst!ifter verlag, Mannheim. ca. 80 S., 20 Euro

2. Terje Tvedt: Wasser. Eine Reise in die Zukunft. Deutsch von Andreas Brunstermann. Ch. Links Verlag, Berlin. 256 S., 19,90 Euro

3. Francoise Hynek / Peter Urban-Halle: Jahreszeiten der französischen Küche. Wagenbach Verlag, Berlin. 165 S., 15,90 Euro

4. Philippe Delerm: Vorsicht, der Teller ist heiß! Persona Verlag, Mannheim. 123 S., 17,50 Euro

5. Hannelore Schlaffer: Die City. Zu Klampen Verlag, Springe. 169 S., 18 Euro

6. Dusan Simko (Hg.): Kosice – Kaschau. Ein Reise- und LEsebuch. Arco Verlag, Wuppertal. 272 S., 16 Euro

7. Barbara Kalender und Jörg Schröder: Kriemhilds Lache. Verbrecher Verlag, Berlin. 266 S., 26 Euro

8. Dorian Steinhoff: Das Licht der Flammen auf unseren Gesichtern. Erzählungen. mairisch Verlag, Hamburg. 168 S., 16,90 Euro

9. Hertha Koenig: Die helle Nacht. Erzählungen. Pendragon Verlag, Bielefeld. 246 S., 19,95 Euro

10. Sandy Fawkes: Ernährungsgrundlagen für den leidenschaftlichen Trinker. Deutsch von Ingo Herzke. Metrolit Verlag, Berlin. 144 S., 14,99 Euro

Quelle: wa.de

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