„Leonce und Lena“ von Georg Büchner in Wuppertal

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Maskerade, Deko und Gebärden: Lena (Hanna Werth), Leonce (Jakob Walser) und Valerio (Thomas Braus, rechts) in der Wuppertaler Inszenierung zu Büchners „Leonce und Lena“. ▪

Von Achim Lettmann ▪ WUPPERTAL–„Beide sehen akkodiert aus“, sagt Valerio und meint, dass Leonce und Lena etwas gemeinsam tragen, zueinander stehen. Erklärt wird das nicht, aber es lässt sich erahnen am Schauspiel Wuppertal: Sie lieben sich, die Königskinder. Diese Emotionen zählen zu einer Garantieleistung, die auch in Wuppertal noch zu finden ist.

Regisseur Marcus Lobbes hat sich den Klassiker der deutschen Komödienliteratur mal vorgenommen. Ein Stück, das immer seltener gespielt wird, weil Georg Büchner 1836 einen theatralischen Streich auf Klein-staaterei, Bürger, Monarchen, Theater- und Sprachkultur formulierte. Politsatire oder eine Art Prolog zur deutschen Komödie. Erst 1895 uraufgeführt, sollte „Leonce und Lena“ immer ein bisschen anachronistisch bleiben.

In Wuppertal ist dennoch fast der ganze Büchner zu hören, wenn man ihn denn wahrnimmt. Regisseur Lobbes, 2008 zum besten Nachwuchsregisseur gekürt, geht mit Klassikern nicht zimperlich um. In einer weiß-aseptischen Apartmentlandschaft sitzen Manga- und Animefiguren parat. Prinz Leonce mit steifer Langhaarperücke und einem Flügel in Schwarz langweilt sich. Am Tisch in der Küchenzeile herrscht die heroische Geste, auch Hofkumpel Valerio mit grünem Brustpanzer im Märchendekor reißt die Arme zum Blitz gen Himmel empor – übers Publikum hinweg.

Die ganze Inszenierung bleibt merkwürdig selbstgefällig. Büchners Sprache wirkt aufgefädelt und von den Schauspielern abgespult. Die gedanklich durchdrungene Reaktion auf die politische Restauration vor 1848 wird von Schauspielern als Cosplay-Variationen nicht geleistet. Ganz auf Show hat Pia Maria Mackert (Bühne/Kostüme) die Figuren getrimmt. Wie wahrhaftig können ihre Dialoge sein?

Die Comickultur aus Japan, die hier die Szenenfolge dominiert, distanziert auch die Figuren Büchners. Dass der Prinz von der Liebe lässt, weil ihn die Gouvernante nicht mehr reizt, ist beiläufig hingestellt und scheint nie gewesen. Sophie Basse muss sich immer wieder in die Hüfte stemmen und türkisfarbene Haare tragen. Die monothematischen Cosplay-Figuren erschweren jede Interaktion.

Und dies ist Programm. Die Verwechslung aus Büchners Stück, wo Prinz und Prinzessin zweier Mini-Reiche die verordnete Heirat ausschlagen, nach Italien reisen, und sich zufällig treffen und lieben, diese Wandlung verliert in Wuppertal jede dramaturgische Kontur. Wichtiger scheint, dass während der Spielzeit die Bühne langsam auf 90 Grad hochfährt und Tisch, Regal und Teppich ins Rutschen kommen. Dann zählt das Ensemble gemeinsam und rappelt sich zu einem Kraftakt auf. Ihre Haltefiguren sollen absurd aussehen. Für ähnliche Unterhaltung sorgen der König (Marc Wohlwend), der im String-Tanga duschen geht (ohne Wasser), und der Präsident (Jochen Langner), der als Schwertkämpfer auf Martial Art macht (nur nicht so schnell). Überflüssig.

Prinzessin Lena (Hanna Werth) kreischt als Pinkie-Manga-Mäuschen, das sie nichts von der Ehe hält. Schade auch, dass die Regie den jungen Darstellern nicht die Möglichkeit gibt, ihr Potential zu zeigen. Jakob Walser (Leonce) lässt die Perücke fallen, den Cosplay-Charakter fahren, als die Liebe wirkt, und er mit Lena an der Bühne lehnt, die ein Bett für beide bildet. Nun ist ein bisschen Illusionstheater spürbar, das angesichts eines verpeilten Regiezugriffs, richtig gut tut.

Leider zu spät. Dass in Wuppertal „Leonce und Lena“ programmatisch unter dem Spielzeit übergreifenden Thema „Generationskonflikt“ firmiert, zeigt wie fern das Haus von Büchners Lustspiel und Gesellschaftsutopie entfernt ist.

Das Stück

Büchners Polit- und Zeitsatire wird durch einen Regiezugriff mit Manga- und Animefiguren unverständlich.

Leonce und Lena vom Schauspiel Wuppertal im Opernhaus.

9., 16., 23., 28. Februar, 1., 15., 23., 28. März

Tel. 0202/ 563 76 66

http://www.wuppertaler-buehnen.de

Quelle: wa.de

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