Leonardo Padura: „Der Mann, der Hunde liebte“ im Unionsverlag

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Chronist einer revolutionären Desillusionierung: Leonardo Padura. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Dieses Buch handelt von einem historischen Verbrechen, von einem Agenten des KGB auf Befehl Stalins verübt, der Tötung des russischen Revolutionärs Leo Trotzki im mexikanischen Exil. Der kubanische Schriftsteller Leonardo Padura schrieb nicht den ersten Roman darüber, aber vielleicht den komplexesten. Er kombiniert einen Politthriller mit der Reflexion darüber, wie die stalinistische Herrschaft die Menschen korrumpiert.

Padura verweist auf einen seiner Lieblingsautoren, der ihm auch den Titel seines Romans lieferte: Raymond Chandler schrieb eine Erzählung mit dem Titel „Der Mann, der Hunde liebte“. So heißt auch das Revolutions-Epos, eine gewaltige Ernüchterung und die Chronik eines Jahrhunderts der Umbrüche. Im Jahr 1977 trifft Iván, einst ein vielversprechender Schriftsteller, der sich mit den Verhältnissen in Kuba arrangiert hat und für eine Zeitschrift für Tiermedizin arbeitet, trifft einen gealterten, kranken Ausländer am Strand von Santa María del Mar. Der Fremde führt zwei russische Windhunde aus, Borsois, er hat einen Chauffeur, und über eine längere Zeit hinweg kommen sie ins Gespräch. Der angebliche Jaime López hat eine Geschichte zu erzählen.

Padura breitet sein Material in drei Handlungssträngen aus. Da ist die Rahmenhandlung um den Intellektuellen, der von seinem Strandbekannten die Biografie des Attentäters Ramón Mercader erzählt bekommt, der angeblich ein guter Freund war, aber mit Details, die eigentlich nur der Mörder selbst wissen kann. Der Blick auf den kubanischen Alltag ist sehr kritisch, die geistige Unfreiheit wird ebenso klar benannt wie die allgegenwärtige Angst. Man erfährt von Iváns schwulem Bruder, der nach seinem Outing diskriminiert wird, bis er Selbstmord verübt. Man erfährt von Unterversorgung bis hin zu Zeiten des Hungers.

Dann erzählt Padura von diesem Agenten Stalins, ein Spanier, der im Bürgerkrieg mit der kommunistischen Internationale in Berührung kam, nach Moskau gebracht wurde, zum Mörder ausgebildet wurde mit allen psychologischen Tricks, so dass seine Identität verschwand und nur „Soldat 13“ blieb. So konnte er sich in einen bourgeoisen Belgier verwandeln und seiner Zielperson, der „Ente“ (so der Codename beim KGB), nahekommen.

Schließlich folgt Padura dem Niedergang des Revolutionärs Trotzki von der Verbannung in Sibirien über die Stationen des Exils in der Türkei, Norwegen bis nach Mexiko. Diese Passagen sind die dichtesten, weil der Autor die immer trostlosere Situation des Asylsuchenden schildert und zugleich seine Selbsteinschätzung als Gegenspieler des sowjetischen Machthabers. Wie da ein Haus in Mexiko als Zentrale einer internationalen Bewegung beschrieben wird, wie es um eine Zeitschrift in Paris und kritische Stimmen in New York geht und im nächsten Moment um die Sorgen, die sich Trotzki um seinen in Stalins Machtbereich zurückgebliebenen Sohn macht, das bringt dem Leser jenen historischen Helden Trotzki nah, ohne dass Kritik ausgeblendet bliebe. Die Fakten hat Padura dabei skrupulös zusammengetragen, wobei er auch historische Prominenz wie das Künstlerpaar Diego Rivera und Frida Kahlo fein porträtiert.

Das Buch handelt von der Verführungsmacht der Ideologie. Dieser Ramón Mercader erlebt aus nächster Nähe immer neu, wie Stalin selbst engste Vertraute verrät, verstößt, vernichtet. Und er spürt auch das Charisma, die geistige Kraft Trotzkis. Trotzdem führt er treu den Mordauftrag aus.

Subtil spielt Padura mit seinen Motiven. Der titelgebende Mann, der Hunde liebte, war zunächst Trotzki. Sein traumatisierter, manipulierter Mörder, dem Stalin nicht dankte, der übernimmt diese Neigung. Auch das passt in diesem großen Roman der Desillusionierung und Enttäuschung. Iván zieht eine bittere Bilanz: „Der höchst abstrakte und so erstrebenswerte Traum von der möglichen Gleichheit der Menschen war von dem Zeitpunkt an zum größten Albtraum der Geschichte geworden, als er auf die Wirklichkeit angewandt wurde, das einzige Kriterium der Wahrheit, wie Marx gesagt hat.“

Das Buch

Zugleich ein großer Politthriller und die Chronik einer Ernüchterung :

Leonardo Padura: Der Mann, der Hunde liebte .

Deutsch von Hans-Joachim Hartstein. Unionsverlag, Zürich. 731 S., 29,80 Euro

Quelle: wa.de

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