I AM von Lemi Ponifasio bei der Ruhrtriennale

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Ophelias vergebliche Rache: Szene aus Lemi Ponifasios Stück „I AM“ in der Jahrhunderthalle Bochum.

Von Edda Breski BOCHUM - Das Licht in der Halle scheint allein von den Augen der hüpfenden, tanzenden Frau auszugehen. Sie singt einen samoanischen Gesang, sie bündelt Energie und sendet sie sengend ins Publikum. Wer das Stück I AM des samoanischen Regisseurs und Choreografen Lemi Ponifasio sieht, tut gut, sich daran zu erinnern, dass in Gesellschaften, die der Westen gern archaisch nennt, der Zugang zur Kosmologie über Stimme und Körper erfolgt.

Die Jahrhunderthalle in Bochum ist ein großartiger Rahmen für diese eigenartige Fusion aus Bilderstrom, Tanz und Ideentheater, mit der Ponifasio theoretischen Überbau und Bühnenerleben miteinander vermählt. I AM handelt von der Wucht, mit der Menschen Leben und Gemeinschaft erfahren – und damit auch Gewalt.

Ponifasio macht allerdings kein politisches Theater, nicht, als er zu Beginn die deutsche Nationalhymne verrauscht in die Halle tröpfeln lässt, und nicht in dem umwerfenden Finale, als ein Mann das islamische Glaubensbekenntnis singt und ein filmischer Strom schäumenden Wassers vom Dach der Halle rinnt. Beide Szenen sind Teil eines mächtigen Stroms von Ideen, Vorstellungen und Anspielungen, deren gemeinsame Wucht I AM formt. Ponifasios schwarzfahles Körper-Ideen-Theater ist politisch informiert, im Kern aber mythisch.

Vieles sah man bereits vor zwei Jahren, als Ponifasio während der ersten Goebbels-Triennale Carl Orffs „Prometheus“ in Duisburg als archaisch fundiertes Weltentheater auf die Bühne brachte. Wie damals laufen auch in I AM Tänzer im Primatengang. Wie damals prozessieren dunkle Figuren als gesichtslos-ewige Gestalten in kreisendem Wechsel durch spärliches Licht. Auch in I AM fließt dunkles Wasser. Im „Prometheus“ formte Ponifasio die antike Tragödie in skupturale Szenen. In I AM orientiert er sich an einer modernen Bild- und Collagentechnik. Eine Inspiration war der neuseeländische Maler Colin McCahon. Dessen Bilder sind Sequenzen flackernder Schrift, die kindlich abgerundet in die Schwärze kullert. Einem Bild von McCahon entstammt auch der Titel: I AM ist eine wiederkehrende Behauptung in seinen Bildern, Bekräftigung und Frage zugleich. Ponifasio legt diese Schrift über seine Mau-Company und über die schwarze Schräge, vor der die Tänzer tastend schreiten, als sähen sie den Boden nicht vor zuviel Nebel. Sie sind ferne Verwandte des Sisyphos, schieben in der ersten Szene schwarze Klötze in einer feierlichen Prozession vor sich her. Die Kinetik von I AM erinnert an eine langsam wechselnde Dia-Serie. Vor die ziehenden Bilder stellt Ponifasio die Menschen als kleine Riesen. Einer schreit, aufbegehrend oder hilflos, steht Minuten gekrümmt da wie unter der Folter.

Selten wird Ponifasio so ausdrücklich wie in dieser Szene: Eine Frau, unendlich groß, schmal, mit einem Gesicht wie eine polierte Holzstatue, spricht einen Text aus Heiner Müllers „Hamletmaschine“; Ophelia kehrt darin die Gewalt, die sie erfahren hat, als Rache nach außen. Bei Ponifasio wird ihr ein Gewehr in die Hand gedrückt, die Gruppe bespuckt sie mit Blut. I AM ist eine Reaktion auf das Erinnerungsjahr zum Beginn des ersten Weltkrieges, aber das ist bei Weitem nicht alles, oder der Kern. Es ist ein wuchtiges Werk, manchmal quälend langsam in seinem Nichtfortgang, geformt durch gewaltige Bilder. Für einige Zuschauer war das zuviel, sie verließen die knapp zweistündige Aufführung frühzeitig.

Samstag, Sonntag; Tel. 0221/ 280 210, www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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