Lehmbrucks Kniende in einer großen Schau in Duisburg

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Berührende Anmut, in Bronze gegossen: Wilhelm Lehmbrucks „Kniende“ empfängt den Besucher der Duisburger Ausstellung. J

Von Ralf Stiftel ▪ DUISBURG–Sie neigt den Kopf zur Seite. Ihren rechten Arm hat sie angehoben, die Finger scheinen in Bewegung zu sein. Ihr Tuch ist auf die Beine gesunken. Eine seltsame Haltung nimmt Wilhelm Lehmbrucks Skulptur „Die Kniende“ ein. Mit 1,76 m begegnet sie dem Betrachter auf Augenhöhe. Aufgerichtet würde sie ihn aber überragen. Ihre Beine hat sie so eng gesetzt, dass sie kaum lange in dieser Stellung verharren könnte. Was macht die Kniende eigentlich?

Einem Meisterwerk seines Namenspatrons widmet das Duisburger Lehmbruck Museum die umfangreichste Ausstellung seiner Geschichte. Die hat einen doppelten Anlass. Zum einen hatte das Haus 2008 den Familiennachlass erworben, was es endgültig zur wichtigsten Stätte von Lehmbrucks Kunst macht. Zum anderen hatte der Künstler die Kniende vor genau 100 Jahren geschaffen, in Paris. Der Geburtstag der Knienden ist auch Anlass, die kunsthistorische Position Lehmbrucks neu zu bestimmen. So wird mit rund 250 Exponaten, darunter Leihgaben aus dem Pariser Louvre, dem MoMA in New York und dem Fujiya Hotel in Hakone, Japan, ein Panorama der Moderne ausgebreitet. Lehmbruck gilt allgemein als Mitbegründer der expressionistischen Skulptur. Die Schau, kuratiert von Marion Bornscheuer, stellt den Künstler aber in den Kontext der internationalen Avantgarde, zeigt ihn als Weggefährten von Henri Matisse, Constantin Brancusi, Robert Delaunay.

Lehmbruck (1881–1919), Sohn eines Bergarbeiters aus Meiderich, hatte ein Studium an der Akademie in Düsseldorf abgeschlossen, war bereits Mitglied der Société Nationale des Beaux-Arts, als er 1910 nach Paris übersiedelte. Dort stellte er erfolgreich in Salons aus, hatte sogar Verkäufe. Die Kniende, die mit ihren schlanken, überlangen Gliedmaßen ein neues Ideal abseits der Naturtreue etablierte, stieß auf Unverständnis bei einem Teil des Publikums, kam aber bei Kollegen und Kritikern durchaus an. Das Werk wurde bei einigen zentralen Kunstausstellungen der Moderne gezeigt: 1912 bei der Kölner Sonderbundausstellung, 1913 bei der legendären Armory Show in New York.

In Lehmbrucks Schaffen steht die Kniende für den Beginn einer neuen Auffassung von der Skulptur. Sie bedeutet auch rein handwerklich eine große Erneuerung: Lehmbruck arbeitet bei der Steingussversion mit Metallverstärkungen. Das erlaubt ihm, den rechten Arm der Knienden frei allein an der Schulter zu befestigen, die ganze Last an eine Stelle zu legen. Etwas Ungesehenes. Bis dahin griffen Bildhauer zu Tricks, legten den Arm auf oder ließen die Hand an den Körper greifen. Auch das macht die Anmut, die Poesie der Arbeit aus: Sie weicht zwar stark von der Natur ab. Aber in ihrer freien Haltung findet sie eine eigene Anmut. Das ungewöhnlichste Ausstellungsstück erlaubt den Blick in die Werkstatt des Künstlers: Zu sehen ist die Ruine eines Gusses der Knienden, der 1945 in Berlin bei einem Bombenangriff zerstört wurde.

Die Bronzeversion der Knienden, der früheste Guss von 1925, sechs Jahre nach dem Selbstmord des Künstlers entstanden, empfängt den Besucher der Schau, die in drei Kapitel geliedert ist. Am Anfang wird ausführlich das Motiv der knienden Figur untersucht. Es geht dabei um das Formenrepertoire, das Lehmbruck vorfand, nicht darum, Einflüsse oder Vorbilder auszustellen. Das Thema war um die Jahrhundertwende bei modernen Bildhauern geradezu in Mode, wie Beispiele von Aristide Maillol, Bernhard Hoetger, Rudolf Bosselt und Constantin Brancusi zeigen. Vielleicht hat auch ein Gemälde von Maurice Denis Lehmbruck inspiriert. Man sieht auch, wie er sich in Skizzen, Gemälden, Entwürfen der Skulptur annähert. Die Steingussversion der Knienden steht übrigens nicht in der Ausstellung, sondern ist wenige Meter weiter im Sammlungsbereich des Museums ausgestellt. Neben dem Motiv der Knienden werden Plastiken zum Thema Akt gezeigt, von Rodin, von Maillol die monumentale „Méditerranée“, von Matisse das Relief eines Rückenakts.

Das zweite Ausstellungskapitel deutet einen Pariser Salon an, um einen Querschnitt der Avantgarde um 1910 zu bieten. Zwischen einer radikal konzeptuellen Arbeit wie Marcel Duchamps tragbarem Museum „La Boîte-en-Valise“ und kubistischen Gemälden von Robert Delaunay und Fernand Léger, zwischen einem Jugendstil-Schreibtisch von Henry van de Velde und einem Frauenkopf von Amedeo Modigliani sind Lehmbrucks Skulpturen durchaus auf der Höhe der Zeit.

Das dritte Kapitel überrascht nur auf den ersten Blick, es widmet sich dem Tanz. Auch das Thema war en vogue um 1910, schon wegen des Erfolgs der Ballets Russes und des Choreografen Vaslav Nijinsky. Vielleicht passt auch Lehmbrucks Kniende hierher, schließlich ruht sie nicht, sondern hält nur einen Augenblick inne. Vielleicht zeigt der Künstler eine Tänzerin, die sich vor dem Publikum verbeugt. Hier erlebt der Besucher – neben einem charmanten Tanzfilm – feine dynamische Skulpturen und sogar eine Porzellanserie aus Meißen, die den russischen Tänzern gewidmet war. Fritz Klimsch arbeitet bei seiner Tänzerin (1897/98) noch den Faltenwurf naturalistisch heraus. Matisse lässt bei seinem „Tanz“ schon die Konturen unscharf werden. Dazwischen stehen die monumentalen Bronzereliefs von Antoine Bourdelle, in denen er 1912 die Künste für die Fassade des Théâtre des Champs-Élysées symbolisierte.

So erschließt die Schau das Schaffen Lehmbrucks und seine Zeit ausgehend von einem zentralen Kunstwerk. Eine ebenso schlüssige wie sinnliche Präsentation.

100 Jahre Lehmbrucks Kniende im Lehmbruck Museum Duisburg. Eröffnung 24.9., 17 Uhr, bis 22.1.2012, mi – sa 12 – 19, do bis 21, so 11 – 19 Uhr, Tel. 0203/ 283 26 30, http://www.lehmbruckmuseum.de,

Katalog, DuMont Verlag, Köln, 28 Euro

Quelle: wa.de

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