„Lauf doch nicht immer weg!“ am WBT in Münster

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Zwei Komiker in der Inszenierung „Lauf doch nicht immer weg!“ am Wolfgang Borchert Theater in Münster: Monika Hess-Zanger und Heiko Grosche.

Von Achim Lettmann -  MÜNSTER Tomaten und Porree als Kirchenschmuck, da muss sich Frau Skillon doch aufregen! Vor allem, weil die Frau des Pfarrers, eine ehemalige Schauspielerin, ihr ins Deko-Handwerk gefutscht hat. Die gute Seele der kleinen Gemeinde kann bei Pfarrer Toop allerdings keine Früchte ernten.

Am Wolfgang Borchert Theater in Münster ist diese Rolle im Stück „Lauf doch nicht immer weg!“ mit einem jungenhaften Würdenträger besetzt. Luan Gummich spielt das Gemeindeoberhaupt fahrig, unkonzentriert, genervt. Er könnte eher mütterliche Gefühle bei Frau Skillon wecken. Denn Stand und Amt entwickeln in diesem Fall keine amouröse Anziehung, die bei älteren Damen manchmal wirkt.

Monika Hess-Zanger bietet dagegen alles, was eine Frau Skillon haben muss, um das Schlachtfeld für den britischen Unterhaltungsklassiker (1945) von Philip King zu eröffnen. Sie schiebt ihre Figur mit herrlicher Empörung über die Bühne und hält mit pikierter Mine den extravaganten Auftritt der Hausherrin aus. Penelope rauscht im großgemusterten Hausrock zur Teatime und verstrahlt den Glanz einer Divenkarriere, die es nie gegeben hat. Sabrina vor der Sielhorst lässt die Figur zwischen Ehefrau und Lebedame flackern oder entgleisen.

Letztlich macht in der Inszenierung von Kathrin Sievers jeder jedem etwas vor, und meistens auch sich selbst. Wer muss da nicht schmunzeln? Am Wolfgang Borchert Theater, das mittlerweile die dritte Premiere in den neuen Räumen des Flechtheimspeichers feiert, wird der temporeichen Farce allerdings etwas Empathie genommen. Annette Wolf (Bühne/Kostüme) materialisiert das Wohnzimmer eines englischen Landhauses nur als schwarzweißes Druckmuster. Auch der Ölschinken an der Wand ist farblos. Das artifizielle Konzept, das auch andernorts bei bekannten Stücken überraschen soll, ist sogar auf die Kostüme übertragen. Selbst ein deutscher Kriegsgefangener taucht in grauweißer Uniformjacke auf – geflohen, aber sauber geblieben.

Technik und Timing sind bei Philip Kings Theaterknaller entscheidend. Und das Tempo der Verwechselungen nimmt einen auch in Münster mit. Wie Pfarrer Toop unbekleidet in den Schrank gerät, weshalb Penelopes Schauspielfreund (Sven Heiß) als Geistlicher verwechselt wird, und wie Bischof von Lax (Jürgen Lorenz) entgeistert mitläuft, das amüsiert. Eigensinnige Zwischenrufe gelingen Ida. Claudia Kainberger ist als ruppiges Dienstmädchen letztlich aber sehr nett.

Regisseurin Sievers setzt auf eine Boulevard-Fassung und einzelne Überraschungen, wie die Hitler-Parodie von Konrad Haller, der den „ungebetenen Gast“ mit deutschem Gruß veralbert und mit Pistole dramatisiert. Oder den badisch-schwäbisch schwätzenden Sergeanten von Florian Bender, der den echten Pfarrer sucht und fünf zur Auswahl hat.

Heiko Grosche spielt den in sich ruhenden Gottesmann Humphrey. In seinem braven Gesicht spiegelt sich im zweiten Teil das „Erntedankfest-Springen“, das eine irrwitzige Verfolgungsjagd meint: „Lauf doch nicht immer weg!“ Grosches Komik tut gut. Und die Musikintros aus den 40er Jahren, mal mehr Show, mal ein wenig jazzig, entrücken diese Chaostruppe in die Welt des wunderbar Einfältigen. Am Ende lösen sich die Verwirrungen alle auf, und das Premierenpublikum applaudiert angetan.

22. 11., 30., 31. 12.; Tel. 0251/400 19; www.wolfgang-

borchert-theater.de

Quelle: wa.de

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