Lang Lang in Wuppertal

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Jetzt kommt Schumann: Lang Lang kündigt eine Zugabe an in der Historischen Stadthalle Wuppertal.

Von Elisabeth EllingWuppertal - Beim Chopin geht er in die Vollen. Lang Lang tobt durch die vier Scherzi, wild, virtuos, mit großer Geste: ein wuchtiges Spektakel, danach großer Jubel. Der Chinese ist der Star des Klavierfestivals Ruhr. Sein zwölftes Gastspiel seit 2006 gab er am Freitag in Wuppertal.

Lang Lang bewegt sich durch kantable Zonen und rasante Tempi wie ein Tastenlöwe durch sein Revier. Lässt er sanft das Seitenthema des Scherzo Nr. 2 schurren, dehnt er den Oberkörper weg von der Tastatur, legt den Kopf zurück und blickt in den beige-goldenen Deckenstuck der Historischen Stadthalle – eine typische Pose des chinesischen Starpianisten. Im dritten Scherzo hat er gerade die atemberaubenden beidhändigen Oktavläufe absolviert, da reißt er für einen Moment beide Arme zurück, drückt die Brust heraus und wölbt sie dem Steinway-Flügel entgegen, als habe er soeben ein Duell knapp für sich entschieden. Der Pianist im Wettstreit mit Werk und Instrument: Als artistisches Ereignis zelebriert Lang Lang sein Konzert, und viele Besucher lassen sich begeistern von seiner stupenden Technik.

Um Lang Lang zu erleben, reicht das Zuhören nicht, auch die Show gehört dazu. Er interpretiert die Musik mit dem ganzen Körper, dramatisiert mit großen Ausholbewegungen, wird von Melancholie in die Schräglage gedrückt, lässt den schwarzen Haarschopf wippen, wenn’s tänzerisch wird. Ähnlich ausgeprägt sind die abrupten Wechsel in Stimmungslage und Tempi: lyrische, ruhigere Passagen werden jäh entschleunigt, um dann umso vehementere Tastengewitter losbrechen zu lassen. Lang Langs Interpretation reiht solche zirzensische Eindrücklichkeiten aneinander und weiß damit zu gefallen, doch trotz der ABA-Struktur der Scherzi gelingt keine gestalterische Rundung.

Wenn er sich im Beifallssturm verbeugt, wehrt er solche Fragen nach der pianistischen Tiefenschärfe regelrecht ab: Ich will doch nur spielen, sagen seine Gesten, wenn er die eine Hand vor die Brust legt und mit der anderen den Dank ans Publikum zurückgibt. Der 32-Jährige bewegt sich mit bescheidener Lässigkeit auf der Bühne, als trage er Sneakers und wolle gleich die Hände in die Hosentaschen stecken.

Bachs Italienisches Konzert klingt bei ihm grob. Vor allem im ersten Satz imitiert Lang Lang die hämmernde Technik des Cembalos, modelliert die mittleren und tiefen Lagen heraus und vernuschelt manche Läufe. Im Andante folgt er einfach Bachs harmonischen Erstaunlichkeiten – das war’s.

Mit einer Rarität war Lang Lang auf die Bühne gekommen: Tschaikowskys „Jahreszeiten“ (op. 37b), zwölf Charakterstücke zu den Monaten. Sie offenbaren einige Längen, auch wenn Lang Lang schon hier viele Stellen kalligrafisch herauszuheben weiß, etwa die feinen Piani des Mai („Weiße Nächte“) oder turbulente „Karnevals“-Läufe im Februar. Vor allem aber werden Belanglosigkeiten („Lied der Lerche“/März, „Herbstlied“/Oktober) mit Tempo-Verschleppungen und viel Pedal von ihm zu schwer parfümiert.

Klavierfestival bis 4. Juli;

Karten-Tel. 01806-500 803 (0,20 bis 0,60 Euro pro Anruf) www.klavierfestival.de

Quelle: wa.de

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