Lang Lang beim Klavierfestival Ruhr in Essen

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Applaus für den Piano-Star: Lang Lang in Essen.

Von Edda Breski ESSEN - Jemand wie Lang Lang ist ein Geschenk der Götter: jung, stupende Technik, höfliches Benehmen und dazu strubbelige Haare, die ihn als jungen Wilden erscheinen lassen, zumindest ein wenig. Man kann sich vorstellen, wie die Labels gejubelt haben, als er auftauchte. In der ausverkauften Philharmonie Essen spielte der Star beim Klavierfestival Ruhr ein Nachholkonzert.

Er hätte bereits im März auftreten sollen. Doch damals wurde er in China für sein Engagement zugunsten des Klaviernachwuchses geehrt. Für die Verspätung „entschuldigte“ er sich, indem er einen Teil der Essener Gagen der „Little Piano School“ spendete, dem Projekt für Kindergartenkinder des Klavierfestivals.

Bei so viel Freude und Wohlbehagen, was ist zur Musik zu sagen? Lang Lang hatte Schlager ausgewählt, Mozart-Sonaten und Chopinballaden, ein Programm, das gefällt und mit dem sich eine gewisse Entwicklung von Struktur und Empfinden in der Musik darstellen lässt. Zwei Sonaten, KV 283 und 282, kamen mit luxuriöser Innenausstattung daher, jeder Ton funkelnd modelliert, kaum Pedal, weichster Anschlag. Lang Lang ist ein Meister des Moments. Das Andante der G-Dur-Sonate war ganz zarte Introversion, die er immer noch verfeinerte, bis zur exquisiten Pause, dem vollendeten Innehalten. Die Wiederholung danach erhielt genau den richtigen Grad an Nachdruck. Lang Lang zeigte sich als glänzender Rhetoriker am Klavier. Bewundernswert seine dynamische Varianz in den beiden Schlusssätzen; selbst im atemberaubendsten Presto hat er noch Zeit für ein sorgfältig herausgearbeitetes, ebenfalls umwerfend klingendes Arpeggio.

Köchelverzeichnis 310 ist ein anderes Kaliber als die beiden ersten Werke, geprägt von dramatischer Tiefe und ausgefeilterem Stil; Mozart hat es nach dem Tod seiner Mutter geschrieben. Bei Lang Lang klang der Anfang beinahe puppenhaft, nach lauter feinen, blanken Dingen. Das änderte sich zwar, als er dem Maestoso plötzlich Gewicht verlieh. Dennoch herrschte ein auffallender Kontrast zwischen dem blanken Beginn und dem Schluss des Satzes, in dem Lang Lang mit sicherer Hand durch zerklüftete Tonlandschaften führte. Das Andante, beschrieben mit dem Zusatz cantabile con espressione, war duftig, detailverliebt, in Introspektion versunken, mit einem edel hingesungenen Mittelteil. Alles so, wie man es sich wünschen konnte. Und genau das kann man als Problem verstehen: die Weichheit, die Perfektion an der Tastatur, die ausgefeilte Präsentation, von sorgfältig platzierten Effekten bis zu einzelnen Noten, die er mit auf- und abstreichendem Finger beiläufig anschlägt, zu den Armen, die sich in malerischen Bögen über die Tasten wölben. Nichts tanzt aus der Reihe.

Nach der Pause spielte Lang Lang viermal Chopin. Er begann mit der ersten Ballade, opus 23, dem ersten Versuch Chopins, das Genre der Ballade in Musik zu übersetzen. Lang Lang fasste die Stimmungen als spontane Einfälle auf und steigerte sie bis zum dramatischen Höhepunkt, mit einigen innehaltenden Betrachtungen zwischendrin. Gerade die Ballade opus 38 kann man in Lang Langs Interpretation mit einem romantischen Landschafts-Gang vergleichen: Er wanderte durch die Stimmungen, bis das Gewitter ausbricht – das er durchaus buchstäblich versteht – und bis in die Rückbesinnung nach dem Sturm, ganz tongewordene Besinnlichkeit. Alle Register seiner Technik zog er in der As-Dur-Ballade und der abschließenden Ballade in f-moll, in der er die Themen vorsichtig aus dem Halbschatten ins Licht hob. Gerade hier war wieder sein glänzender Umgang mit der musikalischen Syntax zu bewundern, sein Gefühl für Rhythmik und Pausen, sein Blick fürs Ganze, von dem er sich gelegentlich abwendet, um mit seiner umwerfenden Technik Nebengedanken zu illustrieren. Großer Applaus.

Quelle: wa.de

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