Das Landesmuseum in Münster zeigt Werke von Karel Dierickx

Flirrende Farbenspiele findet man im Gemälde „Tholen“ von Karel Dierickx, zusehen in der Ausstellung in Münster. Fotos: Museum

Münster – Unten einfach nur Grau. Oben ein gewölktes Blau. Dazwischen verdichtet sich so ewas wie ein Hügel. Schaut man genau hin, sieht man vielleicht einen Baum. Der belgische Maler Karel Dierickx stellt mit seinem Gemälde „Tholen“ (2007) den Betrachter vor eine Herausforderung. Die Ansicht einer niederländischen Insel vermittelt durchaus den Eindruck von Landschaft. Allerdings ist das Hochformat ungewöhnlich für das Genre.

Aber Dierickx stellt sein Motiv nicht realistisch dar, sondern löst es in ein fleckiges, unscharfes Gebilde auf. Farbmalerei nennt das Hermann Arnhold, Direktor des LWL-Landesmuseums für Kunst und Kultur in Münster. Das konkrete, greifbare Motiv wird dabei zur Impression, zu einem abstrahierten Spiel aus Licht und Farbe. Das erinnert an die Werke des britischen Landschaftsmalers William Turner, die bis Januar in Münster zu sehen waren. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich Diericks vom belgischen Maler James Ensor hat inspirieren lassen. Der hat ganz ähnliche Lichtspiele betrieben.

Und Ensor findet man auch in der Studio-Ausstellung, die das Landesmuseum von Samstag an zeigt. Den Künstler aus Ostende hat Dierickx 1995 porträtiert, eigentlich recht naturalistisch. Allerdings überzog er das fertige Porträt mit einem Gespinst aus Linien, die die Darstellung wieder verunklaren.

Anlass der Schau ist die Schenkung einer Serie von 14 Papierarbeiten aus dem Jahr 2008, ein „Kruisweg“, ein Kreuzweg. Das Museum nehme nicht mehr jede Schenkung an, sagt Arnhold. Die angebotenen Werke müssten dei Sammlung schon sinnvoll ergänzen oder aber Anlass geen zu einer produktiven Auseinandersetzung. Und Dierickx (1940–2014), geboren in Gent, der Belgien 1984 bei der Biennale in Venedig vertrat, eine Größe der belgischen Gegenwartskunst, reizte den Direktor, wieder einmal eine Ausstellung zu kuratieren. Mit Anna Luisa Walter stellte er die Schau zusammen. Die knapp 50 Gemälden, Papierarbeiten und Skulpturen bilden keine Retrospektive. Die Schau richtet den Fokus auf das Spätwerk des Künstlers, eine Phase, in der er sich zwischen Abstraktion und Figuration bewegte.

Der Kreuzweg zeichnet zunächst ganz regelgerecht die Stationen der Passion Christi nach, von der Verurteilung über das Tragen des Kreuzes bis zu Tod und Grablegung. Aber Dierickx verzichtet auf die Darstellung dess äußeren Geschehens. Er konzentriert sich in seiner Serie, die übrigens nicht in der Reihenfolge der Passion entstand, ganz auf das Antlitz Christi. Inspiration war dabei eine anonyme Christus-Skulptur aus dem 14. Jahrhundert, die er besaß und die auch in Münster zu sehen ist. Im Blatt „Jesus nimmt das Kreuz auf seine Schultern“ deutet ein grauer Winkel um das Gesicht die wuchtige Last an. Manchmal tritt ein zweites Gesicht dazu, wie bei der vierten Station: „Jesus begegnet seiner Mutter“. Bei der Darstellung des Kreuzestodes ist das Gesicht entstellt zu einem Schemen mit schwarzen Augenlöchern.

Die Schau ist in vier thematische Kapitel unterteilt: Landschaften, der Kreuzweg, Porträts und Stillleben. Dierickx arbeitete langsam, oft legte er Bilder beiseite und nahm sie später wieder vor. Auf der Rückseite mancher Bilder finden sich durchgestrichene Titel und erneuerte Datierungen. Der Künstler malte nicht nur klassisch mit dem Pinsel, sondern trug Farbe auch mit den Fingern oder einem Spachtel auf. Man sieht den dicken Farbschichten an, wie Dierickx sie wieder und wieder überarbeitete. Die Darstellungen widersetzen sich dem schnellen, unmittelbaren Blick. Man muss sich vor ihnen Zeit nehmen, um die Details zu entschlüsseln – oder sich hineinzuversenken und eigene Assoziationen zu entwickeln.

Das gilt auch für ein Bild wie „Tears in Heaven“ (2006), das sich als Blumenstillleben deuten lässt. Die Vase, die weiß, gelb, blau leuchtenden Blüten, die länglichen Blätter erschließen sich erst dem zweiten Blick. Und auch der Titel hilft nicht unbedingt zum Verständnis.

Ähnlich frei fordert Dierickx den aktiven Betrachter bei seinen Skulpturen. In der „Hommage à Morandi“ (2002) finden sich zunächst keine Anspielungen auf die Flaschen und Vasen des großen Stillleben-Malers. Die kleine Bronze wirkt wie ein Baumstamm, um den sich eine Borke wie ein zu weiter Mantel spannt. „Der trunkene Maurer“ (2001) ist ein Kop, der auf der Seite liegt. Das Gesicht erkennt man nur, wenn man in einem bestimmten Winkel und bei guter Beleuchtung schaut.

Gleich in zwei Fassungen ist das „Monument für einen Vogel“ (1999) ausgestellt. Die fragile Gipsfassung steht in einer Vitrine, eine schlanke archaische Totemfigur. In die Gipsmasse hat der Künstler zwei echte Vogelschädel montiert, was die verstörende Wirkung nur verstärkt.

Keine Eröffnung wegen Corona-Virus. 14.3.–7.6., di – so 10 –18 Uhr,

Tel. 0251/ 5907 201,

www.lwl-museum-kunst-kultur.de,

Ein digitaler Katalog ist auf der Website verfügbar

Quelle: wa.de

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