Kunstsammlung der Westfälischen Provinzial in Münster

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Martin Honerts Skulptur „Nikolaus“ (2002) macht im Foyer des Landesmuseums für Kunst und Kultur in Münster Appetit auf die Ausstellung der Sammlung der Provinzial.

Münster - Vorweihnachtlich hat schon der Nikolaus Stellung bezogen im Foyer des Westfälischen Landesmuseums in Münster. Ein wenig windschief wirkt die silbrig glänzende Skulptur schon. Kein Wunder: Der Künstler Martin Honert hat sich für sein 2002 geschaffenes Werk von eigenen Kinderzeichnungen inspirieren lassen. Darum wirkt auch Knecht Ruprecht über der Schulter des Heiligen wie in den Raum gekritzelt.

Die Arbeit gehört zur Kunstsammlung der Westfälischen Provinzial – und steht am Anfang der Ausstellung „Unerwartete Begegnungen“. Mit rund 140 Werken von 37 Künstlern wird dabei die Kollektion vorgestellt, die sich vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart spannt. Mit dabei durchaus prominente Künstler, die Expressionisten Emil Nolde und Helmuth Macke, der Pionier der Abstraktion Josef Albers, documenta-Teilnehmer wie Rosemarie Trockel und Andreas Siekmann.

Die Versicherung ist nicht das einzige Unternehmen, das Kunst sammelt. Sobald ein Geschäft gewisse Dimensionen erreicht, gehören Gemälde und Skulpturen zu einer repräsentativen Ausstattung von Büros und Geschäftsräumen. Ungewöhnlich ist freilich, dass die Provinzial Mitte der 1980er Jahre das Landesmuseum einschaltete. Der damalige Museumsdirektor Klaus Bußmann suchte nach einem Sponsor, um ein Konvolut von Zeichnungen aus dem Nachlass des Jugendstilkünstlers Bernhard Pankok anzukaufen. Er sprach das Unternehmen an. Das plante gerade einen Neubau – und dachte über Kunst am Bau nach. Bußmann schlug vor, mit dem Geld lieber gemeinsam eine Sammlung aufzubauen. Der Plan wurde aufgegriffen, die Kollektion liegt nun als Dauerleihgabe im Museum.

Von der Zusammenarbeit profitierten beide Seiten. Die Provinzial hat eine sich ständig wandelnde Ausstellung mit moderner Kunst, die professionell kuratiert wird. Der Vorstandsvorsitzende Wolfgang Breuer bedankte sich dafür, dass das Museum die Geschäftsräume „so wunderbar auskleide“. Zudem wird die Sammlung im Museum sicher verwahrt, wissenschaftlich bearbeitet und wenn nötig restauratorisch betreut, was zur Wertsteigerung beiträgt. 1700 Werke kann man schließlich nicht einfach so auf dem Speicher lagern.

Das Museum wiederum hat die Möglichkeit, Schwerpunkte der eigenen Arbeit zu bearbeiten, die mit dem Ankaufsetat nicht abgedeckt werden können. So werden oft Werkgruppen angekauft, nicht die großen Gemälde, die wuchtigen Skulpturen, sondern überwiegend Arbeiten auf Papier, kleinere Formate. Das Museum kann seine eigenen Mittel so bündeln. Fast ausschließlich Arbeiten von Künstlern aus Westfalen werden erworben, seit 1990 sind das oft Werke der Träger des Konrad-von-Soest-Preises, den der Landschaftsverband Westfalen-Lippe seit 1952 vergibt. Aber auch interessante junge Künstler bekommen eine Chance.

Die Kuratorinnen Marijke Lukowicz und Tanja Pirsig-Marshall habe die Ausstellung in fünf Sälen jeweils als thematische Kapitel gestaltet. Tatsächlich lassen sich so die roten Fäden der Sammlung herausarbeiten. Den Anfang bildet die geometrische Abstraktion. Vom Klassiker Josef Albers sind hier drei Studien zum Quadrat zu sehen, aber unerwarteterweise nicht als Malerei, sondern als Webteppiche. Damit korrespondiert bestens eine Videoarbeit von Johanna Reich, Soest-Preisträgerin von 2011. In „flags“ ist sie fast lebensgroß zu sehen, wie sie Nationalflaggen an eine Wand pinselt, wobei sie stets passend gekleidet ist, also mit schwarzem Hoodie, rotem Rock und gelben Stiefeln für Deutschlands Schwarz-Rot-Gold, für Spanien hingegen sind Strumpfhose, High-Heels und Pulli rot zu einem gelben Rock.

Der größte Raum widmet sich dem Thema Porträt und Figur. Sehr schön arrangiert sind hier einige der ältesten Arbeiten, Zeichnungen von Bernhard Pankok aus den 1890er Jahren und von Ida Gerhardi. Hier fällt eine Serie von vier Gemälden Martin Kippenbergers über Annette von Droste-Hülshoff auf. Ungewöhnlich sind zwei große Kohlezeichnungen des Lichtkünstlers Otto Piene. Auch das ist ein Prinzip der Sammlung: Arbeiten, die wenig bekannte Aspekte im Werk eines Künstlers würdigen. Ähnlich funktioniert der Raum mit Landschaftsmotiven, womit vor allem Stadtlandschaften gemeint sind. Hier findet man eine Ansicht von Arnsberg von Karl Schmidt-Rottluff und Noldes berühmte Soest-Radierung vom schiefen Turm (1906). Klaus Rinkes monumentale Schwarz-Weiß-Fotos von Manhattan entstanden 1973. Der Künstler setzte seine Hände als Maß vor die Wolkenkratzer, darunter die gerade errichteten Türme des World Trade Center.

Der pointierteste Raum widmet sich dem Thema Natur und Essen, der von der witzigen Fotoreihe „Mahlzeit“ von Bernd und Anna Blume beherrscht wird. Darin proben die Kartoffeln den Aufstand. Gegenüber hängen eine Zeichnung und eine Lithografie mit Motiven der Kartoffelernte von Peter August Böckstiegel. Rosemarie Trockel ist mit übergroßen, reduzierten Zeichnungen von Pflanzenwurzeln (1995) vertreten, von Timm Ulrichs werden irritierende Arbeiten mit Vogeleiern gezeigt: „Tarn- und Anpassungsmuster der Natur“. Und große abstrakte Blätter von Gunther Keusen, früherer Rektor der Kunstakademie Münster, sind mit Holunder gemalt.

Eine der letzten Neuanschaffungen ist die Serie „Aufzeichnungen aus einem postfaktischen Zeitalter“ des Soest-Preisträgers von 2016, Andreas Siekmann. Der in Hamm geborene Künstler lässt in 68 Aquarellen neoliberale Ideologen als Terroristen mit schwarzer Fahne durch die Stadt rasen und karikiert Steuerhinterzieher als wahre Wirtschaftsflüchtlinge. Da freut man sich über die Toleranz des Finanzunternehmens Provinzial, diese kritische Kunst in ihren Büros und jetzt im Landesmuseum zu zeigen.

Bis 25.2.2018, di – so 10 – 18 Uhr, Tel. 0251/ 5907 201, www.lwl-museum-kunst-kultur.de, Katalog, Kerber Verlag, Bielefeld, 36,50 Euro

Quelle: wa.de

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