Ausstellung „Ein Expressionistischer Sommer“ im Kunstmuseum Bonn

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Romantik und Geometrie vereint Paul Adolf Seehaus in seinem Gemälde „Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ (1913), das im Kunstmuseum Bonn ausgestellt ist.

Von Ralf Stiftel Bonn - Geisterhaft schweben die bleichen Elipsen über einer blauschwarzen Nachtlandschaft. Der „Leuchtturm mit rotierenden Strahlen“ von Paul Adolf Seehaus gehört zu den Hauptwerken des Rheinischen Expressionismus. Und es verbindet meisterhaft eine geradezu romantische Stimmung mit einer Malweise, die in der Nachfolge des Kubismus die Dingwelt auflöst in geometrische Elemente.

Das Bild ist in der Ausstellung „Ein Expressionistischer Sommer – Bonn 1913“ im Kunstmuseum Bonn zu sehen. Es gehört seit 1949 dem Haus, allerdings mit zweifelhafter Provenienz. Denn es ist unklar, wie es dem Vorbesitzer, dem berühmten Galeristen Alfred Flechtheim, abhanden kam, als er 1933 vor den Nazis fliehen musste. Im Herbst 2012 einigte sich das Kunstmuseum mit den Erben und kann das Bild darum weiter zeigen.

Die Schau erinnert an einen Schlüsselmoment der Kunstgeschichte, der sich in der damals beschaulichen Universitätsstadt ereignete. Der Maler August Macke hatte sich 1913 mit einigen Künstlerfreunden zusammengetan und eine Ausstellung organisiert. Der Titel prägte ein Markenzeichen, eben den Rheinischen Expressionismus, und das, obwohl die Teilnehmer der Schau gar keine geschlossene Gruppe bildeten. Aber durch ihren gemeinsamen Auftritt im Buch- und Kunstsalon Friedrich Cohen wurden sie genau das: Rheinische Expressionisten. Ein Meisterstück des Marketing vom großen Netzwerker August Macke, der zuvor schon die legendäre Sonderbund-Ausstellung in Köln mitorganisiert hatte und nach der Bonner Schau am Herbstsalon in Herwarth Waldens Berliner „Sturm“-Galerie mitarbeiten würde.

Obwohl die Ausstellung so prägend war, ist sie nur ungenügend dokumentiert, so dass eine Rekonstruktion unmöglich ist. Aber das Museum zeigt Werke von jedem der 14 beteiligten Künstler, vor allem aus eigenem Besitz, und vermittelt mit rund 100 Werken einen Eindruck der Stilvielfalt von damals. Neben Gemälden und Zeichnungen sind auch Hinterglasbilder und Kunsthandwerk ausgestellt.

Natürlich sind Arbeiten von Künstlern dabei, die heute berühmt und geschätzt sind, allen voran August Macke selbst. Seine wunderbar lichtdurchfluteten „Helle Frauen vor Hutladen“ (1913) weisen die kristalline Struktur auf, die neben der kräftigen Farbigkeit noch am ehesten zu den Gemeinsamkeiten des Rheinischen Expressionismus gehört. Auch die Mutter-und-Kind-Szene „Elisabeth und Walterchen“ (1912) ist nur im Zentrum, bei den Gesichtern, realistisch. Darum organisiert Macke den Bildraum immer abstrakter.

Daneben sieht man Bilder von Mackes Bruder Helmuth, aber auch frühe Malerei von Max Ernst, die den späteren Meistersurrealisten noch auf der Suche zeigt, mit einer fast gotischen Kreuzigung (1913), einem extrem den Raum brechenden „Porträt“ (um 1913), einem Stillleben in der Van-Gogh-Nachfolge. William Straube, der in Paris bei Matisse studiert hatte, malt noch in der Nachfolge des Impressionismus gegenstandsnah und perspektivisch wie im „Stillleben (Interieur)“ von 1911.

Man sieht prägnante Beispiele aus dem Schaffen von Heinrich Campendonk, Carlo Mense, Heinrich Nauen und Hans Thuar, von dem vor wenigen Wochen erst Haus Opherdicke eine Werkschau präsentierte. Seinen „Blühenden Obstbäumen“ und seinem „Gefällten Baum“ begegnet man hier nun wieder.

Vor allem aber bietet die Ausstellung die Chance, auch einmal Künstler kennenzulernen, die weniger berühmt wurden. Ernst Moritz Engert zum Beispiel schuf überaus elegante Holzschnitte wie „Tänzerin, aus einem Vorhang heraustretend“, widmete sich aber auch der alten Technik des Holzschnitts mit Porträts im Profil. Joseph Kölschbach schuf 1912 eine Serie hochgradig abstrahierter Aquarelle. Und Franz Seraph Henseler arbeitet in seinen Bildern mit Energielinien fast wie Wilhelm Morgner, so in einer expressiven „Kreuztragung“ aus dem Jahr 1913.

Ein Expressionistischer Sommer – Bonn 1913

im Kunstmuseum Bonn.

Bis 29.9., di – so 11 – 18, mi bis 21 Uhr. Tel. 0228/ 776 260,

www.kunstmuseum-bonn.de

Katalog, Hirmer Verlag, München, 25 Euro

Quelle: wa.de

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