Das Kunstmuseum Bochum zeigt Künstlerporträts von Anton Corbijn

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Der Meister im Profil: Anton Corbijn fotografierte den britischen Maler Lucian Freud 2008 in London.

Von Ralf Stiftel BOCHUM - Wuchtig steht Ai Weiwei auf dem Foto vor dem Betrachter, mit nacktem Oberkörper, kurz geschorenem Schädel und wucherndem Bart. Mit breiten Schultern und stoischem Blick wirkt er unerschütterlich. Der chinesische Künstler, seit seinem Auftritt bei der documenta 2007 weltberühmt, braucht sein Selbstbewusstsein. Als Anton Corbijn ihn porträtierte, in Beijing 2012, da war er gerade aus der Haft entlassen. Noch immer verfolgt der Staat den Dissidenten wegen Steuerhinterziehung und Pornografie.

Die Aufnahme ist im Museum Bochum zu sehen. Es zeigt in der Ausstellung „Anton Corbijn – Inwards and Onwards“ mehr als 40 großformatige Porträts von Prominenten. Schon 2000 hatte das Haus dem niederländischen Fotografen eine Werkschau gewidmet. Längst ist der 58-jährige Pfarrerssohn, der in den 1970er Jahren mit PR-Aufnahmen von Popgrößen wie Joy Division und Depeche Mode begann, selbst ein Star. Inzwischen hat er auch Filme gedreht, arbeitet gerade an der Kinofassung von John Le Carrés Roman „Marionetten“. Vom Autor ist natürlich auch ein Porträt ausgestellt.

Das Museum zeigt einige Aufnahmen von Popstars, zum Beispiel Mick Jagger, 1996 in Glasgow in einem Frauenkleid, mit Damenfrisur, Ohrgehängen und Kollier und perfekt geschminkt. Oft ist Corbijn mit seinen Modellen gut bekannt, so dass Aufnahmen von großer Intimität entstehen. Es sind fast immer gewitzte Inszenierungen, in denen oft die Arbeit des Abgelichteten erkennbar wird. Das gipfelt vielleicht in der Aufnahme von Iggy Pop, wie er nackt auf allen Vieren durch den Wald krabelt (2003). Der Prä-Punk-Sänger intonierte einst „I Wanna Be Your Dog“. Aber auch Paul McCartney wirkt mit seinem Oberlippenbart 2012 in Rotterdam ziemlich fremd.

Stolz ist das Museum aber darauf, dass es erstmals Corbijns Porträts von Künstlers zeigt. Die haben es ebenfalls in sich, wie das vermeintlich so einfache Porträt von Ai Weiwei zeigt. Beim genauen Hinsehen erkennt man hinter dem Künstler die Krakelees einer Farbfläche, was ebenso fein auf seine Profession anspielt wie der Schatten, der erkennbar auf seinem Oberkörper liegt und auf das wichtigste Arbeitsmittel des Künstlers verweist: das Licht. Corbijn, der analog mit seiner Hasselblad-Kamera arbeitet, mit vorhandenem Licht und ohne Stativ, komponiert seine Bilder sehr genau.

Damien Hirst, der mit präparierten Haifischen und Kälbern Furore machte, ist geschminkt zu sehen, das Gesicht in einen Totenschädel verwandelt. Der Maler Karel Appel sitzt in seinem farbbeschmierten Kittel im Atelier. Das Ehepaar Bernd und Hilla Becher zeigt er frontal vor einer Ziegelwand, in nüchterner Sachlichkeit, so wie die Begründer der Düsseldorfer Schule der Fotografie Zechen und Industriebauten dokumentierten. Jeff Koons hält sich eine seiner etwas albernen Pop-Skulpturen vors Gesicht, so dass er auf dem Foto den Kopf eines Cartoon-Vogels trägt. Und den schüchternen Malerstar Gerhard Richter zeigt Corbijn gleich von hinten vor einem seiner abstrakten Gemälde.

Imposant ist das Porträt der Malerin Marlene Dumas (Amsterdam 2000). Corbijn konfrontiert den Betrachter mit der Künstlerin, die breitbeinig, entspannt vor uns steht, eine Zigarette im Mund und die Haare umspielen den Kopf wie ein Lichtkranz. Eine Ikone weiblicher Stärke.

Man hat in der Bochumer Schau auch unerwartete Begegnungen. Al Gore, einst Präsidentschaftskandidat der USA, balanciert einen Ast auf der Nase (Nashville 2007). Und Lance Armstrong, der Radsport-Star, der heute als Doping-Sünder enttarnt ist, steht auf dem Foto (Hollywood 2004) bis zum Hals im Wasser.

Bis 28.7., di – so 10 – 17, mi bis 20 Uhr, Tel. 0234/ 910 42 30, www.bochum.de/museum,

Katalogheft 12,50 Euro

Quelle: wa.de

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