Das Kunstmuseum Basel zeigt Max Beckmanns „Landschaften“

Eins von Max Beckmanns Lieblingsbildern: „Riviera-Landschaft mit Felsen“ (1942).

Von Achim Lettmann ▪ BASEL–Seit 1925 malt Max Beckmann seine Landschaftbilder mit Schwarz. „Der Hafen von Genua“ (1927) zählt neben den vielen hochkarätigen Gemälden in der Baseler Ausstellung zu den faszinierendsten Werken. Das Kunstmuseum zeigt „Max Beckmann – Die Landschaften“ und erinnert daran, dass der deutsche Künstler (1884 – 1950) das Landschaftsbild im 20. Jahrhundert erneuerte.

Die großartige Ausstellung in Basel ermöglicht einen unspektakulären Zugang zum Werk Beckmanns. Direktor Bernhard Mendes Bürgi und Kuratorin Nina Peter haben die 70 Bilder chronologisch von 1902 bis 1950 gehängt, um die malerische Entwicklung Beckmanns sichtbar zu machen. Im Oeuvre des deutschen Künstlers sind fast ein Drittel der Arbeiten Landschaftsbilder, rund 250 Exponate.

Max Beckmann, der sich selbst als „letzten Altmeister“ bezeichnete, ist lange nur als deutscher Künstler gewürdigt worden. Mittlerweile ist seine singuläre Position in der Kunst des 20. Jahrhunderts auch mit Ausstellungen in New York, London und Paris international dokumentiert. Während Piet Mondrian und Wassily Kandinsky den Weg zur Gegenstandslosigkeit über das Landschaftsbild einschlugen, vermittelte Beckmann seine innere Befindlichkeit über den Blick auf die Außenwelt. Das fällt ganz grundsätzlich aus, wie im Gemälde „Große Buhne“ (1905), auf dem ein winziger Mensch am Strand zu sehen ist. Sein Schirm bietet in der tosenden Natur kaum Schutz. Wie kann er sich behaupten?

Beckmanns „Blick auf den Bahnhof Grundbrunnen“ (1914) ist düster, expressiv und angstvoll. Der Stadtraum gleicht einem Moloch. Unter dem gelben Himmel steht der Kirchturm merkwürdig vereinzelt und verloren, ein Wesen aus überkommener Zeit.

Max Beckmann schafft keine politischen Motive, um den gesellschaftlichen Wandel in Deutschland zu kommentieren. Aber seine Stimmung ist in den Bildern ablesbar. 1933 verliert er den Lehrauftrag in Frankfurt. Im NS-Staat malt er viele Landschaften. In Basel sind in einem Kabinett drei Gemälde zum Berliner Tiergarten zu sehen. Beckmann fragte sich, ob er Deutschland verlassen soll. Wer „Tiergarten im Winter“ (1937) sieht, weiß, wie sich der Künstler entschieden hat. Der städtische Park sieht aus wie ein Wald, in dem der Sturm gewütet hat. Die Bäume sind wie eingeschlagen, die Kronen kahl, tot – das letzte Grün liegt am Boden. Auch das Bild „Meeresstrand“ (1935) ist leblos. Die Sonne bleibt hinter einer Wolke. Das Meer erscheint nur dreckig und fremd.

Während seiner Zeit in Amsterdam (1937–47) hellt sich Beckmanns Palette auf. Seine Situation hat sich im Exil verbessert, wobei ihm der Weg nach Paris versperrt bleibt. Die deutsche Wehrmacht überfällt die Niederlande 1940. Beckmann darf nicht reisen. Ihm bleiben Postkarten vom Mittelmeer und die Polderlandschaft der Nordsee. Der Künstler, der in den 20er Jahren reiste, schafft eine erinnerte Landschaft. Im großen Saal des Baseler Kunstmuseums sind diese schönen Aussichten gesammelt. „Meereslandschaft mit Agaven und altem Schloss“, „Cap Martin“ (beide 1939) und „Blaues Meer mit Strandkörben“ (1938). Sand, Ruinen, Wellen und Pflanzen werden Stimmungsträger, die eine Lebensqualität noch in Kriegstagen behaupten. Das Bild „Riviera-Landschaft mit Felsen“ (1942) sei ein Lieblingsbild Beckmanns, sagt Kuratorin Peter, da es auf Fotografien in seiner Amsterdamer Wohnung nachweisbar ist.

Die Ausstellung orientiert sich an den Orten des Künstlers. Studienjahre in Weimar, erste Erfolge in Berlin, nach dem psychischen und physischen Zusammenbruch im Ersten Weltkrieg folgen Frankfurt (1915–32), wieder Berlin, Amsterdam und die letzten drei Jahre in den USA. In Frankfurt ließ Beckmann den Malduktus der frühen Bilder hinter sich. Impressionistisch strahlten noch die Studienbilder („Strandlandschaft“, 1904). Fortan öffnete Beckmann den Bildraum, schob Bäume, Straßen, Häuser und Straßenbahnen zusammen, demonstrierte Unruhe, Irritation und Skurrilität des Stadtlebens. „Das Nizza in Frankfurt a. Main“ (1921) ist so eine staunenswerte Ansicht mit wunderlich kleinen Menschen.

Eine außergewöhnliche Spannung schafft Beckmann vor allem mit seiner Ausblicksdramaturgie. Zwei Fensterrahmen dominieren das Bild „Landschaft mit Vesuv“ (1926). Beckmann gibt nur einen Spalt frei, und der Vulkan raucht hinter schrägen Straßenfluchten. Im „Blick auf das Meer“ (1928) grenzt eine Tür den Bildraum ein. Beckmann rückt das blaue Meer mit Segelbooten noch weiter von sich – eine Fantasie oder ein Wunschland. Im Gemälde „Abend auf der Terrasse“ (1928), ein extremes Hochformat, bestimmen Lichtreflexe und Spiegelungen auf Strand und Meer die Landschaft und rücken den Maler in ein distanziertes Verhältnis zur Welt. Vorhänge, Türen, Fenster, Balkone, Jalousien, Markisen, Pfeiler und Brüstungen scheinen Beckmann vor zuviel Realität zu warnen. Wie aufgeladen, ja psychologisiert, seine Landschaften sind, ist vielleicht in „Große Gewitterlandschaft“ am deutlichsten. Die wuchtigen Bäum wirken schon surreal, die klotzige Leiter wie aus einem Traum, und ein gesichtsloser Mensch liegt dazwischen niedergeworfen, hilflos, ortsfern.

Beckmann, in Leipzig geboren, hat auch die klassischen Genres mit Figurenbild, Stillleben und Porträt bedient. Viele seiner Landschaften sind bühnenhaft, als ob er etwas Persönliches andeuten will. Beckmann belässt es aber beim Geheimnisvollen. Bilder seien die „abgeworfenen Häute“ seines Selbst, hat er einmal gesagt.

Die Porträts sind derzeit im Kunstmuseum Leipzig zu sehen (bis 22. Januar), seine Bilder von Amerika im Frankfurter Städel Museum (bis 8. Januar).

Die Schau

Das Landschaftsbild wird von einem Künstler erneuert, der geheimnisvolle Stimmungen schafft.

Max Beckmann – Die Landschaften im Kunstmuseum Basel. Bis 22. Januar; di-so 10 bis 18 Uhr; Katalog Hatje Cantz Verlag 59 SFr.

Tel. 0041 / 061 2066262; http://www.kunstmuseumbasel.ch

Quelle: wa.de

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