Das Kunstmuseum Ahlen widmet Arnulf Rainer eine Retrospektive

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Zerschnitten und übermalt: Auch Rainers zwei Fassungen der Mona Lisa (2002/03) sind als Huldigung ans Original zu verstehen.

Von Holger Krah AHLEN - Die Furcht ist unübersehbar. Mit weit aufgerissenen Augen, das Gesicht grotesk verzerrt, liegt Arnulf Rainer in einem vermeintlich ausgeschachteten Grab (tatsächlich ist es eine Sickergrube). Die Hände klammern sich an den Rand der Grube, als versuche er vergeblich, sich auf der Tiefe zu befreien. Die Schwarz-Weiß-Fotografie „GRABES FURCHT“ aus dem Jahr 1973 hat der Künstler mit kraftvollen Strichen übermalt -- Rot wie Blut, Schwarz wie der Tod. Diese Linien in Form eines Andreaskreuzes markieren die Position der ausgestreckten Arme und Beine, gleichzeitig wirkt das Kreuz wie die Auslöschung der Existenz des in Grube/Grab liegenden Mannes.

Das Foto „GRABES FURCHT“ ist wie der verwandte „Grabgesang“ Teil der sehenswerten Ausstellung „Arnulf Rainer. Malerei, Arbeiten auf Papier“ im Kunstmuseum Ahlen. In einer großen Retrospektive wird der österreichische Maler, einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart, gewürdigt. Anlass der Schau mit gut 100 Arbeiten aus allen Werkphasen von den 50er-Jahren bis in die Gegenwart ist der 85. Geburtstag des Künstlers im Dezember 2014.

In der Ausstellung lässt sich der Weg Rainers von frühen, surrealistisch geprägten Grafiken über erste tachistische, stark reduzierte Zeichnungen bis zu seiner eigenen, heute weltweit bekannten künstlerischen Handschrift verfolgen. Und die ist geprägt von Übermalungen eigener und fremder Bilder. „Angefangen hat es ja aus einem banalen Grund. Ich hab kein Geld gehabt und hab mir auf dem Flohmarkt billige alte Bilder gekauft und drübergemalt“, sagte der Künstler einmal. Schnell merkt er, dass die bemalte Leinwand ihn selber zur künstlerischen Auseinandersetzung auffordert.

Das kleine Format der übermalten fotografischen Selbstporträts aus den 70ern steht im Gegensatz zu der großen Geste, mit der Rainer arbeitet: Expressiv und roh kratzt und malt er farbig über die Schwarz-Weiß-Fotos, bis vom Ursprungsbild kaum noch etwas zu erkennen ist. Nur noch sein Kopf, oft fratzenhaft verzerrt mit herausgestreckter Zunge oder verdrehten Augen, schimmert unter der Farbe durch.

Diese rohe Kraft der frühen Übermalungen wird auch in den Fingerbildern aus dem selben Zeitraum sichtbar. Sie sind tatsächlich mit den Fingern gemalt, so Ahlens Museumsleiter Burkhard Leismann, der die intuitive, ungeplante Herangehensweise als „die direkteste Form der Kunstproduktion“ lobt.

In den 80er-Jahren setzt sich das österreichische enfant terrible mit großen Meistern auseinander -- und das durchaus provokant. „Van Gogh mit Eselsohren“ und „Rembrandt als Transvestit“ sind die Titel zweier Werke, die in Ahlen zu sehen sind.

Das Übermalen der fotografischen Reproduktionen vieler Meisterwerke sei keineswegs eine Zerstörung der Originale, sondern eine Huldigung der kunsthistorischen Vorläufer, sagt Rüdiger Aldorfer, Geschäftsführer des Arnulf Rainer Museums bei Wien, der bei der Zusammenstellung der Schau eng mit dem Kunstmuseum zusammengearbeitet hat – genau wie der in Ahlen geborene Sammler Dr. Andreas Dombret und die Familie des Künstlers. Viele der im Kunstmuseum gezeigten Werke sind erstmals in Deutschland zu sehen.

Haben die Übermalungen der 70er- und 80er-Jahre das Überdecken und Auslöschen des Darunterliegenden zum Ziel, so erscheinen neuere Werke nicht mehr so roh und kraftvoll, sondern fast zart. Frauenbilder, die Rainer aus antiquarischen Kunstbüchern herauskopiert, versieht er ab der Jahrtausendwende mit leichten Pinselstrichen, die wie ein Schleier wirken.

Beeindruckend ist der Hiroshimazyklus (1982), in dem Rainer Fotos, die unmittelbar nach dem Abwurf der Atombombe entstanden sind, übermalt. Tiefschwarze Kreuze verweisen auf Leid und Zerstörung. Das Kreuzmotiv nimmt in seinem Schaffen eine zentrale Stellung ein, auf vielen Gemälden taucht es auf. Dazu entstehen seit den 90er-Jahren lebensgroße, aus Hartfaserplatten geschaffene und bemalte Kreuze, so wie das aktuelle „Teneriffa-Kreuz“. Hier im angenehmen Klima auf der Insel im Atlantik vor Afrika verbringt der 85-Jährige den Winter und ist bis heute äußerst produtiv.

Eröffnung Sonntag, 11 Uhr,

bis 26.4., di – fr 14 – 18, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 0 23 82/91 830;

www.kunstmuseum-ahlen.de

Katalog, 29 Euro

Quelle: wa.de

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