Kunstmuseum Ahlen stellt Klaus-Peter Kirchner aus: „Herzensschatzi komm!“

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Klaus-Peter Kirchner vor seinem Gemälde „Das Goldene Quadrat“ (Ausschnitt) von 1990, zu sehen in Ahlen. ▪

Von Marion Gay ▪ AHLEN–Haufenweise Kuscheltiere quetschen sich in Stapelkisten. Es sind echte, „abgekuschelte“ Plüschhasen und -kätzchen, die am Straßenrand abgelegt wurden, auf dass sich jemand ihrer annimmt. Die Installation „Küßli“ (2012) symbolisiert die Sehnsucht nach Liebe, gleichzeitig erzählt sie vom Ausgesondert-Sein.

Die Arbeit gehört zur Ausstellung „Herzensschatzi komm!“ im Kunstmuseum Ahlen, die am Sonntag eröffnet wird. Die von der Theodor F. Leifeld-Stiftung und der Sparkasse Münsterland-Ost geförderte Schau präsentiert rund 70 aktuelle und ältere Arbeiten von Klaus-Peter Kirchner. Der in Soest und Berlin lebende Künstler beschäftigt sich seit 20 Jahren mit Outsider-Kunst, nimmt sie als Inspiration für eigene Werke und untersucht damit die Grenzen zwischen Kunst und Krankheit.

„Herzensschatzi komm!“ – mit diesen Worten wendet sich Emma Hauck Anfang des 20. Jahrhunderts an ihren Mann. Sie war Insassin der Psychiatrischen Klinik Heidelberg und schrieb verzweifelte Briefe nach Hause. Mit der Zeit wurden ihre Zeilen unleserlicher, die Schrift gerann zu grafischen Zeichen, zu einer modernen, autonomen Bildsprache. Neben anderen Selbstzeugnissen von psychisch Kranken fanden ihre Briefe Eingang in die berühmte Sammlung Prinzhorn. Vom Arzt und Kunsthistoriker Hans Prinzhorn zusammengetragen, wurde 1922 eine Auswahl der gesammelten Bildnisse im Buch „Bildnerei der Geisteskranken“ veröffentlicht, das vielen Künstlern jener Zeit als Inspiration diente.

Kirchner, Gründer der Aktion-Kunst-Stiftung zur Förderung von künstlerisch begabten Menschen mit geistigem Handicap, stieß auf Haucks Brief im Prinzhorn-Archiv und stellt ihn den Linienzeichnungen seiner Serie „Erotisch“ (2003) sowie Bildern mit nackten Frauen und Tieren (1998) gegenüber. Noch vor einigen Jahren hätten solche Bilder als anstößig gegolten, inzwischen hat sich der Moralkodex gewandelt. Genauso würden heute viele der damaligen Insassinnen als normal gelten. Psychologisch fundierte Diagnosen gab es nicht, es reichte, wenn der Ehemann seine Frau für verrückt erklärte.

Besonders fasziniert den 1963 geborenen Kirchner ein Foto von Ende des 19. Jahrhunderts, das den mit Stofffetzen verzierten Anstaltsboden von Marie Lieb zeigt. Man kann es als erste künstlerische Installation sehen, eine Landschaft aus Ornamenten und Zeichen. Kirchner wiederum interessiert sich seit den 80er Jahren für Ornamente, die er vor allem auf Reisen entdeckt und in Skizzenbüchern sammelt. In der Ausstellung zu sehen ist das dreiteilige Bild „Das goldene Quadrat“ (1990), das Sterne und Kreise auf dunklem Grund zeigt und an Bodenmuster in sakralen Räumen erinnert, und eben auch Ähnlichkeiten zu Liebs Installation aufweist.

In direkter Anlehnung daran riss Kirchner ältere Papierarbeiten in Streifen, um daraus die großformatigen Schriftbilder der Serie „Es war ein Kind das wollte nie“ (2012) zu schaffen. Der Satz stammt von der ehemaligen Anstaltsinsassin Unica Zürn, die aus den Buchstaben weitere Satzbilder kreierte wie „Die Sonne war kalt leise Wind“, zu lesen auf einem von Kirchners Bildern. Neben den Arbeiten finden sich wie Krankenakten gestaltete Mappen mit Informationen über die ehemalige Patientin.

Eröffnung am Sonntag, 28. Oktober, 11 Uhr; bis 20. Januar, mi-fr 14 bis 18 Uhr, sa/so 11 bis 18 Uhr; Katalog 19,80 Euro; Tel. 02382 / 91830. www. kunstmuseum-ahlen.de

Quelle: wa.de

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