Die Kunsthalle Recklinghausen zeigt die Gemälde von Markus Willeke

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Ein Realismus des Alltags: Markus Willekes Gemälde „Ohne Titel (Norma)“ von 2017 ist in der Recklinghausen zu sehen. Kunsthalle

Recklinghausen - Jede Falte der zerknitterten „Norma“-Tüte hat Markus Willeke nachgezogen. Das Licht bricht sich auf dem glatten Plastik, lässt das Material mit seinen knalligen Farben schillern und glänzen. Aus dem gebrauchten Alltagsobjekt wird im Gemälde ein monumentaler Blickfang. Das Bild ist 2,20 Meter hoch.

Es ist in der Kunsthalle Recklinghausen zu sehen. Die Ausstellung „Dark Crash Sound“ bietet mit mehr als 50 Gemälden keine Werkschau des 1971 in Recklinghausen geborenen, inzwischen in Berlin lebenden Künstlers. Stattdessen präsentiert das Haus überwiegend neue Arbeiten, die zum Teil speziell für die Ausstellung geschaffen wurden.

Zwei Wände sind gefüllt mit Darstellungen von Plastiktüten diverser Discounter und Supermärkte. Sie alle sind benutzt, zerknittert, als Individuen dargestellt. Fast möchte man von Porträts sprechen. Wobei der augentäuschende Effekt des Überrealismus sich beim Nähertreten verliert. Da sieht man die Spuren des Pinsels, die Handschrift des Künstlers. Willeke sagt, dass er diesen Effekt mag, den Umschlag vom Realismus zur Wahrnehmung des Malerischen.

Seine Bilder entstehen vergleichsweise schnell. Willeke malt nass in nass, und auch für seine vier Meter breiten Großformate hat er maximal 24 Stunden Zeit. Dann ist die Farbe trocken, muss das Gemälde vollendet sein. Willeke malt nach fotografischen Vorlagen. Das sind manchmal eigene Aufnahmen, aber auch Fundstücke aus dem Internet und Szenenbilder aus Filmen. An den Plastiktüten reizte ihn zunächst, dass sie einem ganz klassischen Motiv der Malerei entsprechen, sie fordern heraus mit Faltenwürfen und mit der Darstellung eines besonderen Materials, einer Oberflächenqualität. Im Barock war eben das Gewand einer Madonna Motiv. Den letzten Anstoß zu seiner Malserie aber gab ein vereitelter Terroranschlag in London, bei dem eine Bombe in einer Plastiktüte versteckt worden war.

Hans-Jürgen Schwalm, Direktor der Kunsthalle, hebt die atmosphärische Dichte an Willekes Arbeiten hervor. Man nimmt zuerst die Oberfläche wahr, das schnell erkennbare Motiv. Dann aber entwickeln sich Spannungen. In der Serie „Garage“ schildert der Künstler die Heckansichten großer Limousinen. Erst beim zweiten Blick bemerkt man, dass die Leuchten brennen. Willeke zeigt die Autos in dem Moment, wo sie zurücksetzen und direkt auf den Betrachter zufahren. Auch das Bild mit dem Schulbus (2017) wirkt unauffällig, obwohl der Kontrast zwischen dem knalligen Gelb des Gefährts und der geisterhaft verschwommenen, grauen Landschaft Unbehagen auslöst. Bis der Betrachter erfährt, dass Willeke hier die Szene eines Films von Atom Egoyan wiedergibt. Darin sterben all Kinder eines kleinen Ortes in einem Unglück des Busses. Selbst die Bilder schwimmender Mädchen („Chrystal Lake“, 2018) wirken da beunruhigend, auch wenn Willeke hier Fotos von seinen Töchtern als Vorlage nutzte. Aber man sieht nur den Kopf, während der Rest des Körpers in einer diffusen, undurchsichtigen Masse verborgen bleibt.

In einer neuen Serie malt Willeke Jacken, deren Vorlagen er auf den Websites von Internetläden fand. Die leeren Kleidungsstücke wirken seltsam belebt, scheinen auf den Gemälden Volumen zu haben. Wie passend sind die Bilder betitelt: „Geist“. Wenn man dabei an den gesichtslosen Kapuzenjackenträger Kenny denkt, der in jeder Folge der US-Zeichentrickserie „South Park“ stirbt und trotzdem beim nächsten Mal wieder dabei ist – genau daran hat der Künstler auch gedacht.

Das Sehen macht Willeke zum eigentlichen Thema seiner Malerei. Besonders schön erkennt man das in den Werken, in denen er mit Oberflächen spielt. Immer wieder malt er beschlagene Fenster, hinter denen die Welt nur schemenhaft durchscheint. In die Feuchtigkeit aber wurde mit dem Finger gezeichnet, und so gibt es Linienwolken, aber auch Totenköpfe mit Tropfspuren. Da werden auch verrottende Fensterblenden zum Bildthema und sogar ein Bauzaun, der gemalt in Originalgröße im Ausstellungsraum steht.

Willeke rückt das Unscheinbare, oft Übersehene ins Bewusstsein und zeigt, welche Abgründe hinter dem Offensichtlichen klaffen.

Bis 8.4., di – so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02361/ 501 935, www.kunst-re.de, Katalog in Vorbereitung, 12 Euro

Quelle: wa.de

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