Krystian Zimerman unterbricht Essener Konzert wegen eines Handyfilmers

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Da spielt er noch ungefilmt am eigenen Flügel: Krystian Zimerman beim Klavierfestival Ruhr in Essen.

Von Elisabeth Elling Essen - „Würden Sie das bitte lassen?“ fordert Krystian Zimerman und blickt nach links oben in die Ränge unter der Orgelempore. Dann setzt er an zur ersten der zehn „Variationen in h-Moll über ein polnisches Thema“ von Karol Szymanowski, bricht nach wenigen Sekunden aber ab und verlässt mit wehenden Frackschößen die Bühne: „Entschuldigen Sie bitte.“

Was die meisten Besucher seines Konzerts in der Essener Philharmonie nicht bemerkt haben, hat der polnische Pianist sehr wohl registriert: Jemand hat ihn mit dem Smartphone gefilmt.

Er habe wegen solcher illegaler Mitschnitte schon Verträge verloren, erklärt der 56-Jährige, als er nach einer knappen Minute zurückkehrt. Die Plattenfirma habe ihm bei neuen Projekten gesagt: „Das gibt es aber doch schon auf YouTube.“ Kaum beherrscht er seine Empörung: „Die Vernichtung der Musik ist enorm durch YouTube.“

Zimerman spielt danach das Konzert des Klavierfestivals Ruhr zu Ende. Eine Pflichtübung. Den impressionistischen Zauber, der Szymanowskis Miniaturen mit den Debussy-Stücken aus dem ersten Teil verbindet, hält er fortan unter Verschluss. Eine Zugabe gibt er trotz frenetischen Jubels nicht, auch den Empfang des Sponsors sagt er später ab. Der Intendant des Klavierfestivals Ruhr zeigt am Tag danach Verständnis: „Es ist Diebstahl, was da passiert“, sagte Franz Xaver Ohnesorg am Dienstag.

Zimermans Reaktionen sind keine exzentrische Marotte. Sie unterstreichen seine eigentümliche, hoch konzentrierte Interpretationskunst, die er als sein höchstpersönliches Refugium bewahren und kontrollieren will – mit gutem Recht. Das heimliche Filmen beschädigt nicht nur Zimermans Urheberrecht an seiner Kunst, an seinem geistigen Eigentum. Es attackiert auch seine Privatsphäre. Denn Zimermans Versenkung in die Musik ist eine feinnervige und intime Offenbarung.

Mit der Gestik eines Dirigenten modelliert er noch den Nachhall eines Debussy-Preludes. Die „Fußspuren im Schnee“ (Des pas sur la neige) haben dabei den Reichtum seiner Anschlagskultur angetippt: Fahl, verhangen, dann zunehmend druckvoll legt er diese Fährte. Johannes Brahms’ Sonate Nr. 2 in fis-Moll (op. 2) beginnt er mit einer vor Energie berstenden Ansage, auf die er immer zurückkommt. Nach dem hoch gespannten ersten Satz geht ein Aufatmen durchs Publikum. Den sanglichen Ton des Andante kostet Zimerman aus, findet im dritten Satz raubauzige Motive und macht das Finale zum Bekenntnis eines jungen Mannes (Brahms war beim Komponieren gut 20), das gespickt ist mit Ausrufungszeichen. Pausen, Akkordakzente, Verzögerungen, Klangfärbungen modelliert er präzise: Sie sind keine spontanen Impulse, sondern fein tariert und tief empfunden. Manche Linie singt er halblaut mit.

Um seine sensiblen Werkdeutungen möglichst frei von äußeren Einflüssen zu halten, achtet Zimerman penibel auf die Akustik der Konzertsäle, in denen er auftritt. Und er nimmt in alle Welt seinen eigenen Flügel mit.

Kaum ein Pianist beweist solchen musikantischen Eigensinn wie Krystian Zimerman. Sein Recht am eigenen Bild und am eigenen Ton vermag aber auch er nicht zu schützen. Er wird in den paar Sekunden hinter der Bühne kurz und zornig durchgeatmet haben.

Illegale Mitschnitte

25 Mitarbeiter führten während des Zimerman-Konzerts Aufsicht in der Essener Philharmonie; zwei von ihnen befanden sich auf der Chorempore, wo sich der Zwischenfall ereignete. Das sagte Philharmonie-Sprecher Christoph Dittmann am Dienstag. Regelmäßig gebe es fotografierende und filmende Konzertbesucher, die man anzusprechen versuche. „Bei ruhigeren Programmen“ sei ein Eingreifen aber problematisch, denn dadurch würden Künstler und Zuhörer gestört.

Wegen der guten Qualität moderner Handykameras sei das Mitfilmen zum Problem geworden, bestätigte auch die Sprecherin der Verwertungsgesellschaft Gema, Ursula Goebel. Viele Raubkopierer hätten kein Unrechtsbewusstsein und sollten auch nicht vorschnell kriminalisiert werden. Viele nutzten die Aufnahmen nur für den Privatgebrauch. Wenn die Filme ins Netz gestellt würden, verlören Künstler aber vielfach Aufträge, Plattenverträge oder sonstige Einnahmen.

Katharina Kierig vom Konzerthaus Dortmund sagte, dass es angesichts von immer mehr illegalen Aufnahmen schwieriger werde, von den Musikern eine Erlaubnis für professionelle Fotografen zu erhalten.

Quelle: wa.de

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