Kristof Magnussons Stück „Sushi für alle“ in Dortmund

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Ordnung muss sein, auch wenn die Welt gezeichnet ist: Szene aus „Sushi für alle“ am Theater Dortmund mit Uta Holst-Ziegeler, Ekkehard Freye, Christoph Jöde und Bettina Lieder (von links). ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Wie Pia Maria Eckert das nach Feng-Shui-Regeln eingerichtete Home Office von Ingo Kluge ins Studio des Schauspiels Dortmund gestellt hat, das haut den Zuschauer um. Das ist kein reales Zimmer. Es ist eine Gestalt gewordene Skizze. Ein weißer Raum, mit einem Sofa und einer Topfpflanze, deren Konturen als schwarze Strichzeichnungen nachgezogen sind. Wenn Tochter Gesine Pillen braucht, dann entnimmt sie dem Kühlschrank erst einen Farbtopf mit Pinsel und malte mit ein paar Strichen die Hausapotheke an die Wand. Dann stößt sie die Faust beherzt durch die aufgespannte Papierbahn und holt sich das Gewünschte.

Die Welt als Comic-Strip. So inszeniert Oliver D. Endreß die Uraufführung von „Sushi für alle“. Die Komödie von Kristof Magnusson bekommt dadurch den nötigen Schlag ins Absurde. Zunächst denkt man an ein munteres, aber recht normales Boulevardstück. Zwei Männer treffen aufeinander. Zahnarzt Alban Lenz erwartet eine wunderbare Frau. Johanna, liebevoll, beruflich busy, mütterlich und trotzdem schlank. Aber es erscheint ihr Mann Ingo, der die Verabredung im Internet eingefädelt hat.

Aus den Versatzstücken der Theatergeschichte von Molière bis Neil Simon hat Bestsellerautor Magnusson („Männerhort“, „Das war ich nicht“) ein wundersam verwirrendes Stück über die moderne Familie geschaffen. Werbetexter Kluge sucht seinen eigenen Nachfolger, denn er wird in drei Wochen sterben. Ein Hirntumor. Seine Johanna soll getröstet werden. Zwei erwachsene Kinder gibt’s gratis dazu: Gerald, den Manager („trotzdem glücklich“), und Gesine, die jüngste Altphilologin Deutschlands. Ob Alban ahnt, dass die Fassade trügt, als er über das Foto der Wohnung urteilt: „Ungemütlich“? Johanna verkehrt via Mobiltelefon mit ihren Lieben, weil ihr das Engagement für eine Krebshilfe-Organisation keine Zeit lässt. Gerald und Gesine leiden unter Beziehungsstörungen. Kluges Nachfolger trifft also auf ein Chaos.

Regisseur Endreß setzt am Anfang auf die Boulevard-Elemente. Wie Ekkehard Freye (Alban) und Andreas Beck (Ingo) die Situation klären, das erinnert an Billy-Wilder-Filmszenen mit Jack Lemmon und Walter Matthau. Freye gibt den wendigen Kleinbürger, deutet fein die Torschlussängste des alternden Singles an, zeigt, wie er Geschmack an Ingos Plan findet und immer skrupelloser versucht, seine Traumfrau zu erobern. Beck baut zunächst die Fassade des selbstlosen Erfolgsmenschen auf – um dann inmitten seiner schrecklich netten Familie richtig aus dem Gleichgewicht zu geraten.

Doch erst nach dem Ortswechsel in das nüchterne Home-Office kommt die Komödie richtig in Fahrt. Nun treten sie auf. Johanna, die Uta Holst-Ziegler in immer grelleren Abendkleidern mimt mit einer himmelhoch getürmten Frisur und der vergessenen Clownsnase von der Krebs-Kinderbespaßung, wobei sie richtig gut die Balance zwischen Überdrehtheit und Realismus hält. Christoph Jöde springt als überaktiver Neurotiker Gerald zu jedem Auftritt aus dem Wandschrank. Bettina Lieder verkörpert die emotional eingeschüchterte Dozentin mit schwarzer Brille und Klamotten im 80er-Jahre-Look. Das entwickelt eine herrlich absurde Lach-Dynamik, wenn sie sich zum Dia-Abend auf das Sofa drängen, als wär's die Reise nach Jerusalem, oder wenn sie zu Ingos Erfolgs-Werbesong für den Schnappi-Kindersnack um den Tisch tanzen.

Magnusson ist ein unterhaltsames Stück gelungen. Aber es braucht schon eine Regie wie die von Endreß mit Mut zum Überdrehen, damit es nicht bieder und berechenbar daherkommt.

19., 27.3., 14., 23., 29.4.;

Tel. 0231/ 50 27 222, http://www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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